Ein Silberfischchen zwischen den Kulturen…

Magdaléna Starková im Interview

Magdaléna Starková

Hallo Magdaléna, schön, dass du dir die Zeit nimmst. Wir beginnen mit der Frage zu deiner Person. Wer bist du? Was magst du Menschen über dich verraten?

Ich bin Übersetzerin, Autorin, Lyrikerin, Projektkoordinatorin und vor allem ein Jack of All Trades and Master of None. Ich bin ein Silberfischchen und lebe in den dunklen, feuchten Spalten zwischen den Kulturen und den Sprachen. Dort fühle ich mich auch wohl. Ich bin 40 (wann ist das denn passiert?), und außer mit Literatur und Sprachen beschäftige ich mich mit internationalen Projekten, Erinnerungskultur und Eventmanagement. Wenn ich Zeit habe, reise ich gerne und singe im Chor. Sobald ich wieder auf der tschechischen Seite der Grenze bin, hole ich meine Gitarre aus dem Gigbag und leite das gemeinsame Kneipenbrüllen an. In Bremen bin ich zu einer stolzen Findorfferin mutiert, und man findet mich regelmäßig auf dem Findorffer Wochenmarkt. Es gibt kaum Bilder von mir, auf denen ich nicht entweder eine Gitarre ODER einen Hund dabei habe. Weird Fact: Ich besitze 400 Vintage-Teddybären, die ich auch selber restauriere. Even Weirder Fact: alle haben einen Namen. MICH wiederum besitzen zwei kleine Hundedamen. Beruf: Dosenöffnerin.

Was ist deine Verbindung zu Tschechien?

Ich bin gebürtige Tschechin und habe in Tschechien die formativen Jahre meines Lebens verbracht. Erst nach dem Studium habe ich das Land verlassen, auch wenn dies nicht ganz stimmt, denn ich komme immer wieder zurück und fühle mich in beiden Ländern gleichmäßig zu Hause.

Wann warst du zuletzt in Tschechien – und was war der Anlass?

Eigentlich vor einem Monat – ich habe einen Choraustausch zwischen meiner Heimatstadt Olomouc und Bremen organisiert und begleitet. Sonst ist aber jeder Anlass gut, und wenn es den nicht gibt, erfinde ich schnell einen.

Was ist deiner Meinung nach typisch deutsch, was ist typisch tschechisch? Und was sind Gemeinsamkeiten?

Es gibt wohl irgendein Buch über die deutsch-tschechische Zusammenarbeit und es heißt ungefähr so: „Präzise geplant und genial improvisiert“. Ich glaube, das trifft es eigentlich ganz gut. Dadurch, dass wir alle aber doch eher Europäer sind, ein jeder von uns ein Homo Erasmus, werden die Unterschiede immer kleiner. Außerdem: Was ist schon typisch deutsch? Was hat denn ein Bayer mit einem Fischkopp zu tun? Ich glaube, wir sind durch eine gemeinsame Geschichte geprägt – wie turbulent und heikel die auch sein mag. Ich finde, man konzentriert sich immer so sehr auf die Unterschiede, aber eigentlich überwiegen die Gemeinsamkeiten. Man sieht sie nur nicht so bewusst. Ich nenne es mal – als Arbeitsbegriff – mitteleuropäische Kultur. Was man in Deutschland allerdings nicht beobachtet, ist der typisch tschechische Schwejkismus und die Art, sich selber nicht so ernst zu nehmen. In Tschechien fehlt wieder der „Ernst des Lebens“. Die Eltern drohen einem zwar ständig damit, aber ernst nehmen wir fast nichts – selbst das nicht, was es durchaus verdienen würde, ernstgenommen zu werden.

Das Verbindende: Gibt es etwas, das Menschen aus Tschechien und Deutschland voneinander lernen können?

Sie sollen, glaube ich, vor allem etwas gemeinsam lernen – nämlich Dialog mit offenen Augen und offenem Herzen. Man lebt immer noch in stereotypischen Vorstellungen, aber das Leben ist in Wirklichkeit viel bunter. Was die Tschechen von den Deutschen lernen könnten, ist die Wertschätzung künstlerischer Arbeit, und die Deutschen könnten von den Tschechen wiederum die Flexibilität und den Ideenreichtum übernehmen, mit denen „inoffizielle“ Kultur zu Wege gebracht wird. Dieses „Komm, lass uns mal gemeinsam was machen“ – es ist vielleicht verrückt, aber cool. Und noch eine Sache könnten die Tschechen von den Deutschen lernen: politische Kultur und kultivierte Diskussion. Und auch dieses „Leben und leben lassen“ – die Weisheit, mit der man begreift, dass nicht alles mein Business ist, dass ich Menschen einfach auch sein lassen kann, selbst, wenn ihre Lebensweise mir persönlich nicht passt. Die Deutschen wiederum könnten von den Tschechen etwas mehr Geselligkeit lernen – dazu ein wenig Gemeinschaftsdenken und eine gewisse Informalität. Diese egalitäre Kneipenatmosphäre …

Suchen dir bitte eine der beiden Sprachen aus:  Was ist dein Lieblingswort auf Deutsch bzw. auf Tschechisch – und warum?

Oh, das ist schwierig. Nur eins?

Auf Deutsch: „jein“, weil das Wort so schön die unsichere Lebensrealität beschreibt.

Auf Tschechisch: das ist sehr wechselhaft. Im Moment oszilliert es zwischen „laskavost“ (etwa: „Freundlichkeit“, Anmerkung der Redaktion) und „přizdisráč“. Die Übersetzung ist tatsächlich schwer. Es ist eine – leicht vulgäre – Bezeichnung für einen Menschen, der sich nichts Großes traut und zugleich auch irgendwie zu angepasst und (manchmal) kleinkariert ist. Für mich persönlich ist dieses Wort ein Memento. Im Sinne von: aha, das möchte ich nie werden. Oder aber: Ohauahauaha! Bin ich das doch mit den Jahren geworden? 

Außerdem ist es so ein schöner, irgendwie poetischer, Kraftausdruck, der zugleich diese ganz informelle Kultur widerspiegelt und diese spielerische Metapher in sich hat. Das mag ich daran.

Ausblick für die Zukunft: Denkst du, beide Länder sollten noch mehr in den Austausch gehen, ihre Verbindung zueinander verstärken, auch im Sinne eines gemeinsamen europäischen Gedankens? Haben Sie einen Wunsch / eine Vision, wie das aussehen könnte?

Absolut. Ich versuche mich mit allem, was ich habe, mit dem ganzen Leben, dafür einzusetzen, dass die Kontakte enger und positiver werden und wir und von den alten Stereotypen trennen. Das, was uns das 19. Und 20. Jahrhundert eingebrockt hat, räumen wir immer noch auf; dabei habe ich jedoch das Gefühl, dass wir auf einem guten Weg sind. Und dann höre ich immer wieder euroskeptisches Kneipengelaber und denke mir: Verdammt, das lebt also immer noch in den Köpfen? Ich bin auf jeden Fall froh, dass ich eben als Homo Erasmus aufwachsen konnte – sehr europäisch verknüpft, mit Sprachen ausgestattet, mit Freunden aus verschiedenen Ecken des Kontinents und der Welt. Das ist eine extreme Bereicherung, die man wohl nie erreicht, wenn man nur in der eigenen Küche verkrochen bleibt. Und irgendwann merkt man, dass es überall nette Menschen gibt und eben auch Arschlöcher und dass es oft viel mehr Unterschiede gibt zwischen den Klassen als zwischen den Völkern. Auf jeden Fall glaube ich sehr daran, dass wir alle als Europa gemeinsam auftreten sollen, ohne dabei auf die eigene Tradition zu verzichten. Ich würde mir wünschen, dass wir – trotz Euroskepsis –nicht damit aufhören, diese Gemeinschaft aufzubauen. Und wenn dann auch noch Länder weiter östlich von uns dazukämen … das wäre ein Traum.

Oft denke ich an eine Reise, die ich in einem kleinen, klapprigen Bus unternahm: von Chernivtsi nach Chisinau. Das war noch vor dem Krieg. Neben mir saßen ältere Damen, diese ikonischen „Omis“, und alle haben mich enthusiastisch nach dem Leben in der EU gefragt. Alle wollten dazugehören. Daran denke ich oft, wenn ich höre, wie unsereiner manchmal über die EU meckert. Sicher, es gibt gewiss Sachen, die man kritisieren kann und die auch mir nicht so gut gefallen. Der größere Gedanke dahinter ist mir aber immer noch wichtiger als irgendeine Bürokratie. Ich würde also den Omis aus dem Bus wünschen, dass sie das noch erleben und dass sie keine Angst (aus bekannten Gründen) haben müssen. Und dass wir hier auch nichts fürchten müssen. Und nicht nur das: dass wir unsere Nachbarn nicht skeptisch, sondern freundlich betrachten. Und dass sich die Politik nach vorne und nicht zurück in die 1930er entwickelt. (Ok, dann wünsche ich mir noch den Weltfrieden und ein gezähmtes Einhorn. Wo kann ich das bestellen?)

Vielen Dank für das Interview!

Nicht nur nach Prag reisen, sondern sich wirklich das Land anschauen

Barbara Linke-Holická im Interview

Barbara Linke-Holická

Hallo Frau Linke-Holická, schön, dass wir hier zusammengefunden haben. Wir beginnen mit der Frage zu Ihrer Person: Wer sind Sie? Was mögen Sie über sich verraten?

Ich bin Musikerin, Bratschistin. Ich bin in Prag geboren. Zuerst habe ich am Prager Konservatorium studiert,  anschließend an den Musikhochschulen in Berlin und Freiburg im Breisgau, außerdem habe ich zeitweise auch in Zürich und Amsterdam gelebt. Nach 7 Jahren im Ausland habe ich das Probespiel für Solobratsche in der Tschechischen Philharmonie erfolgreich bestanden. Das war ein Versuch, nach den vielen Jahren nach Tschechien zurückzukehren. Nach einem Jahr habe ich aber festgestellt, dass sich das Leben und Arbeiten in Deutschland für mich in der damaligen Lebensphase besser und passender anfühlt. Also bin ich zuerst nach Freiburg zurückgekehrt und habe dort als freiberufliche Musikerin gelebt. Während des Musikfestivals in Aix-en Provence in Südfrankreich habe ich mein Mann kennengelernt, der schon damals in Bremen gelebt hat. Bremen war also keine gezielte Entscheidung, das ergab sich einfach. Heute leben wir mit unserer Familie in Bremen, haben drei Kinder, ich unterrichte an der Hochschule für Musik und arbeite als freiberufliche Musikerin. Je älter ich bin, um so öfter reise ich nach Prag zurück, sowohl privat wie beruflich. Ich bin Mitglied des Ensembles Prager Kammersolisten und bin zunehmend in Prag und Tschechien tätig.

Wann waren Sie zuletzt in Tschechien – und was war der Anlass?

Das war vor ein paar Wochen, aus beruflichen Gründen. Übermorgen fahre ich wieder hin – wieder beruflich. Ich genieße die Möglichkeit dort auch meine  Freunde, Verwandte und auch geliebte Plätze und Orte zu sehen, wenn ich Zeit habe. Als Familie sind wir auch regelmäßig in Tschechien. Vor drei Jahren haben wir mit meinem Mann den Schritt gewagt und eine alte Berghütte im Riesengebirge gekauft, wo wir viel Freizeit verbringen.

Mit meiner Freundin, Geigerin aus der Tschechischen Philharmonie Lenka Machová, haben wir dort vor drei Jahren ein Musik-Literatur Festival gegründet, das sich auch mit deutsch-tschechischen Geschichte und Kultur beschäftigt. 

Meine Kinder wachsen zweisprachig auf. Wir versuchen beide Kulturen und Identitäten in der Familie zu stärken. Das ist mir sehr wichtig. Mein Mann und die Kinder sind sehr offen dafür, wofür ich sehr dankbar bin.

Was ist Ihrer Meinung nach typisch deutsch, was ist typisch tschechisch? Und was sind Gemeinsamkeiten?

Obwohl ich wirklich empfinde, dass die Unterschiede existieren, versuche ich mit Klischees aufzupassen. Mein Erleben von „typisch deutsch“ ist jedoch wahrscheinlich: Disziplin und Pünktlichkeit. In Tschechien ist es üblicher – und auch einfacher – eine Situation mit Humor aufzulockern und auch Regeln etwas freier zu sehen. Aber – auf beiden Seiten findet man Ausnahmen, der Faktor Mensch spielt hier sowie dort immer die wichtigste Rolle.

Und die Gemeinsamkeiten? Ich glaube, eine wichtige Gemeinsamkeit ist flüssig, man kocht es aus Hopfen, trinkt es gut gekühlt und am Besten frisch gezapft (lacht).

Aber eine weitere wunderbare Gemeinsamkeit ist tatsächlich Musik – wir sollen nicht vergessen, dass einer der besten Freunde unserer Musikikone Antonín Dvořák der deutsche Komponist Johannes Brahms war! In der ganzen Kulturgeschichte finden wir gegenseitige Inspirationen und Gemeinsamkeiten.

Das Verbindende: Gibt es etwas, das Menschen aus Tschechien und Deutschland voneinander lernen können / sollten?

Oh ja, unbedingt. Tatsächlich ist die Sache mit der Disziplin gerade in der Musik eine positive Eigenschaft. An deutschen Musiker*innen sehe ich oft und schätze sehr eine absolute Ernsthaftigkeit, wenn es um ihre Arbeit geht. Aber man kann auch zu diszipliniert sein, zu intellektuell, zu organisiert. Zu viele Regeln und zu viel Disziplin könnten eine Mauer bauen, den Zugang zu eigenem Instinkt und Spontanität absperren. Musik ist eine Sprache, die aus dem Menschen herauskommen muss, es braucht ein tiefes Vertrauen und Natürlichkeit. Der tschechische Zugang zu Musik (Vorsicht ein Klischee!) ist etwas musikantischer, wir würden sagen – mehr aus dem Bauch raus. Disziplin und Natürlichkeit, beides ist sehr wichtig und die Balance zu finden, ist manchmal nicht leicht.

Die Fähigkeit, über sich selbst zu lachen, eine gewisse Selbstironie, ist wiederum eine  Eigenschaft, die ich bei den Tschech*innen sehr oft sehe und die auch oft einen verspannten Moment lustig machen kann. Überhaupt ist es der Humor, den ich an den Tschechen mag und wo ich mich oft frage – ob es an der Sprache liegt?

Suchen Sie sich bitte eine der beiden Sprachen aus:  Was ist Ihr Lieblingswort auf Deutsch bzw. auf Tschechisch – und warum?

Im Deutschen mag ich das Wort „Herausforderung“ sehr. Das tschechische Äquivalent „výzva“ erscheint mir nicht adäquat. Herausforderung klingt nach Handlung, nach Tiefe und Bewegung nach vorne. Es zeigt, dass man etwas tun muss, aktiv werden muss. Als ob man eine Schaufel nimmt und aus der Tiefe etwas herausbringt.

Im Tschechischen mag ich „pohoda“ – das lässt sich am ehesten mit „Gemütlichkeit“ umschreiben, aber eben nur umschreiben. Es ist ein Zustand von Ruhe, Ausgeglichenheit. aber auch Freude. Diese beiden Worte zeigen vielleicht auch die unterschiedlichen Gemüter ganz gut an (lacht).

Tatsächlich erlebe ich, dass ich mich immer etwas anders fühle, je nachdem, welche Sprache ich benutze. Es ist, als würde man in eine andere Sprachpersönlichkeit schlüpfen.

Ausblick für die Zukunft: Denken Sie, beide Länder sollten noch mehr in den Austausch gehen, ihre Verbindung zueinander verstärken, auch im Sinne eines gemeinsamen europäischen Gedankens? Haben Sie einen Wunsch / eine Vision, wie das aussehen könnte?

Das denke ich allerdings, dass genau das eine Ebene ist, auf der wir sehr aktiv bleiben sollen. Wenn ich Nachrichten in beiden Ländern sehe, dann sehe ich oft zwei sehr verschiedene Ansichten auf eine gewisse Situation. Es gibt die deutsche Berichterstattung und es gibt die tschechische. Das ist einerseits verständlich, die jeweiligen Länder haben ein eigenes Verständnis, politisch, wirtschaftlich, historisch. Gleichzeitig ist aber genau das eine Schwierigkeit: Manchmal fehlt das Wissen über, bzw. das Fühlen und Empfinden der anderen Seite. Besonders in Westdeutschland ist den Menschen manchmal nicht bewusst, was z.B. nach dem 2. Weltkrieg in Osteuropa los war. Meine Tochter, 10.Klasse, hat kürzlich mit der Schule das Stasi-Gefängnis in Berlin besucht. Das finde ich wahnsinnig wichtig. Junge Menschen wissen oft gar nicht mehr, was das eigentlich bedeutet: Stasi. Das war eine Zeit des Terrors und aus diesem Terror, dieser schrecklichen Zeit der Totalität, sind wir in Tschechien – und auch in der ehemaligen DDR – erst 30 Jahre raus. Es braucht ein Bewusstsein dafür, was das mit der Gesellschaft gemacht hat und wie das noch in den Seelen der Menschen nachwirkt.

Deutschland und Tschechien sind zu unterschiedlichen Entwicklungszeitpunkten der Europäischen Union beigetreten, und vielleicht auch mit unterschiedlichen Gedanken und Motiven. Da hilft meiner Meinung nach nur eines: Nonstop-Aufklärung, was die EU eigentlich ist, welche Idee von Europa dahintersteht – und zwar auf beiden Seiten, und man sollte auch immer wieder abgleichen, inwieweit diese Werte in der jeweiligen Situation noch aktuell sind und gelebt werden.

Wir brauchen sehr viele Menschen, die Kanäle, Brücken und Verbindungen bauen, und zwar solche, die nicht auf staatlicher Ebene arbeiten. Kultur ist da eine Möglichkeit. Vereine, zum Beispiel das Bremer Bündnis für Deutsch-Tschechische Zusammenarbeit oder Porta Bohemica sind wunderbare Beispiele. Diese Arbeit erreicht andere Schichten der Gesellschaft. Ich würde mir wünschen, dass viele deutsche Bücher ins Tschechische übersetzt werden und andersrum. Ebenso finde ich sehr wichtig, die gemeinsame deutsch-tschechische Geschichte zu thematisieren. Es gab in der Geschichte einige Momente, die immer noch ein sensibles Thema für beide Länder sind, bessere Geschichtskenntnisse könnten helfen, verschiedene Vorurteile zu beseitigen. Das sollte nicht nur Historiker*innen beschäftigen, sondern auch Geschichtslehrer*innen und Kulturveranstalter*innen. Tschechische Schüler*innen wissen, denke ich,  z.B. viel zu wenig über den deutschen Widerstand während der NS-Zeit. Deutsche wiederum sollten viel mehr über die schon erwähnte Kommunistische Diktatur lernen. Das Reisen und Schulaustausch ist auch gute Gelegenheit die andere Seite zu entdecken. Und zwar Reisen nicht nur zwischen den beiden Hauptstädten. Als Pragerin liebe ich die tschechische Hauptstadt und bin auch sehr stolz darauf, aber um Tschechien wirklich kennenzulernen, müsste man auch andere Teile des Landes besuchen.

Vielen Dank für das Interview. 

Das Prag von alten Fotos

Künstler und Galerist Tilman Rothermel über das alte Prag und viele Konsonanten

Tilman Rothermel - selbst mit Ei
Tilman Rothermel

Hallo Tilman, vielen Dank, dass du dir die Zeit für dieses Interview nimmst. Wir steigen ein mit ein paar Infos zu deiner Person. Was magst du uns über dich verraten?

Ich bin bildender Künstler, komme gebürtig aus Stuttgart und lebe seit 40 Jahren in Bremen. Ich bin das, was man den klassischen Mischtechniker nennt, ich verwende gern verschiedene Materialien an einem Bild und habe dabei schon so ziemlich alles ausprobiert, von Bleistiftkohle bis Aquarell, Acryl und Ölfarbe. 1976 habe ich meine Frau, Libuše Černá,kennengelernt. Ich betreibe in Bremen die Galerie am Schwarzen Meer und bin Mitglied im Bremer Bündnis für deutsch-tschechische Zusammenarbeit. Dadurch bin ich auch an verschiedenen Bremer Festivals mit beteiligt, zum Beispiel an „So macht man Frühling“.

Ich glaube, jetzt sind wir alle neugierig auf eure Kennenlern-Geschichte. Magst du etwas davon hier teilen?

Ja, gerne. Dafür muss ich aber etwas eher ansetzen. Meine erste Reise nach Tschechien, damals noch Tschechoslowakei, habe ich im Jahr 1967 gemacht. Ich war damals mit einer israelischen Tänzerin bekannt. Sie hatte ein Engagement in Prag und hat mich gefragt, ob ich ein Bühnenbild für sie malen würde – und zwar vor Ort. Wir sind also nach Prag gereist. Ich bin im Dezember angekommen, die Stadt war irgendwie düster, die Atmosphäre war ganz besonders, mysteriös. Das war tatsächlich das Prag, das man von alten Fotos kennt. Auf der Karlsbrücke lag Schnee und es war kein einziger Mensch darauf. Dieses Prag gibt es heute gar nicht mehr.

1967 – also die Zeit des Prager Frühlings

Genau, das lag damals richtig in der Luft, das war so eine Aufbruchstimmung, die fand ich großartig. Alle, mit denen ich damals zu tun hatte, in meiner Blase, wie man heute wohl sagen würde, fanden es vielversprechend. Ich bin ein alter 68er und die Idee eines Sozialismus mit menschlichem Antlitz klang für uns richtig gut. Wir hatten die Hoffnung, dass sich wirklich etwas ändert. Und dass man dieses Modell vielleicht auch auf den Wesen übertragen könnte.

Und dann kam das Jahr ´68…

Oh ja, ich weiß noch genau, wie ich damals davon erfahren habe, dass der Warschauer Pakt in Prag einmarschiert ist. Ich stand in Stuttgart an einer Bushaltestelle. Woher genau die Nachricht kam, Zeitung, Flugblatt, Radio, das weiß ich nicht mehr. Aber ich stand unter Schock. Das ganze Experiment sollte auf einmal zu Ende sein. Vorher hatte ich ernsthaft überlegt, ob ich dorthin auswandern soll.

Aber losgelassen hat das Land dich nicht …

Ja, die Kennenlern-Story kommt schon noch (lacht). Also: Ich hatte damals einen Freund in Brüssel, der ab und zu nach Prag gefahren ist. Ich habe in Frankfurt gewohnt und er hat dann immer bei mir Station gemacht, um die lange Strecke in zwei Etappen zu teilen. Bei einer Rückreise fragte er mich dann, ob es okay wäre, wenn er jemanden mitbringt. Er habe eine junge Tschechin im Auto, die sei auf dem Weg nach Frankreich und tja, das war dann die Libuše. Unsere erste Begegnung war also ein ziemlicher Zufall – und irgendwie auch nicht, denn bei mir gibt es ja auch diese „tschechische“ Vorgeschichte. Wir haben uns dann noch mal in Frankreich getroffen, haben gemeinsam mit einer Studentengruppe einen Urlaub in der Dordogne verbracht. Und irgendwie dachten wir dann: Das war´s. Die Sache war aber für uns beide nicht erledigt. Emigrieren wollte Libuše nicht, das hätte ihr viele Möglichkeiten verbaut, sie wollte immer die Option haben, ins Land zurückzukehren. Also sprachen wir übers Heiraten.  Das haben wir 1977 getan. Ich sage immer, wir kannten uns da gerade mal sechs Wochen. Insgesamt waren es zwar acht Monate, aber die tatsächlich gemeinsam verbrachte Zeit kommt auf knapp sechs Wochen und viele, viele besondere Momente. Dass wir uns noch nicht so lange kannten, haben wir auch pragmatisch betrachtet. Wir haben uns einfach gesagt: Entweder es funktioniert – oder es funktioniert nicht.

Und funktioniert hat es offensichtlich. Auf meinem Zettel steht jetzt die Frage nach deiner Verbindung zu Tschechien, aber sie haben wir ja hinreichend und auf mehreren Ebenen geklärt, oder?  

Ja, ich denke auch. Nächste Frage bitte. (lacht)

Wann warst du zuletzt in Tschechien – und was war der Anlass?

Wir reisen sehr oft nach Tschechien. Wir haben dort seit 15 Jahren ein Haus, unser Sohn lebt in Prag, den besuchen wir häufig. Drei bis vier Mal im Jahr sind wir mindestens dort. Tschechien ist für mich eine zweite Heimat. Wir haben auch schon mit dem Gedanken gespielt, ganz nach Tschechien umzuziehen. Das sind aber eher Gedankenspiele, wir reden davon, dass es theoretisch möglich sein könnte. Ich habe hier mein Atelier, das könnte ich in Tschechien so nicht weiterführen. Wir sind auch durch die Kulturarbeit sehr mit Bremen verbunden. Und wenn ich ganz ehrlich bin: Eigentlich will ich hier gar nicht weg.

Was ist deiner Meinung nach typisch deutsch, was ist typisch tschechisch? Und was sind Gemeinsamkeiten?

Diese Frage finde ich schwierig, das birgt natürlich die Gefahr von Klischees. Ich habe dazu eher Bilder im Kopf. Ich kam damals nach Tschechien – und überall liefen Leute in Trainingsanzügen herum. Die Frauen waren – schon damals – hoch modisch gekleidet, die Männer dagegen, sagen wir mal, außerordentlich leger, auch mit Löchern in den Hosen. Ich fand das aber  sympathisch, es war ein Eindruck davon, dass alles nicht so ernst genommen wird. Mir sind auch Menschen in Arbeiterkluft aufgefallen, die um 11 Uhr morgens schon in der Kneipe standen. Das hat für mich aber nichts davon, die Dinge schleifen zu lassen, sondern dass die Leute das durften, dass es einfach möglich war. Dass es nicht darum ging, immer korrekt zu sein und vor dem Chef strammstehen zu müssen.

„Das Deutsche“ gibt es meiner Meinung nach so gar nicht mehr, wir sind inzwischen eine ganz andere Gesellschaft geworden. Ich glaube, das ist für einige nicht einfach, es bringt für manche den gefühlten Verlust der Identität mit sich. Ich dagegen finde den Gedanken an „das Deutsche“, was immer das sein soll, tatsächlich etwas absurd.  

Das Verbindende: Gibt es etwas, das Menschen aus Tschechien und Deutschland voneinander lernen können?

Wie heißt dieser Spruch doch gleich: Perfekt geplant oder genial improvisiert? Ich finde, die Fähigkeit zur Improvisation könnten sich die Menschen in Deutschland schon etwas abschauen. In Tschechien läuft vieles unbeschwerter, in Deutschland muss alles von 27 Behörden genehmigt werden. Die Angst vor der Obrigkeit ist in Tschechien auch nicht so groß. Es gibt zwar Regeln. Die sind eben da. Man kann sich daran halten – oder auch nicht.   

Such dir bitte eine der beiden Sprachen aus, Deutsch oder Tschechisch. Was ist dein Lieblingswort?

Das ist, als würdest du mich nach meinem Lieblingsmaler fragen, da gäbe es auch mehr als eine Antwort. Ich sage es mal so: Ich staune immer wieder über die Eigenheit der tschechischen Sprache, sehr viele Konsonanten aneinander zu reihen. Da sitze ich manchmal ratlos davor und denke: Wie geht das? Wie soll man das aussprechen? Vor allem: Wie kann man das überhaupt aussprechen? (lacht)

Ausblick für die Zukunft: Denkst du, beide Länder sollten noch mehr in den Austausch gehen, ihre Verbindung zueinander verstärken, auch im Sinne eines gemeinsamen europäischen Gedankens? Hast du einen Wunsch / eine Vision, wie das aussehen könnte?

Ja, unbedingt sollte es mehr in den Austausch gehen. Aus meiner Sicht ist es eine große Tragödie, dass es das „Böhmische“ so nicht mehr gibt, dieses tschechisch-deutsch-jüdische Miteinander, das sich gegenseitig inspiriert hat. Mir ist auch unverständlich, dass Tschechien da eher in die Abschottung geht. Wenn ich in Prag in eine Kunstausstellung gehe, dann sehe ich da zu 95 % tschechische Künstler. Sprachlich merkt man das auch: Ich kenne keine andere Sprache, in der das Wort „český“  (dt.: „tschechisch“) so häufig verwendet wird. Das finde ich schade und ich hoffe, dass da mehr Öffnung stattfindet. Die tschechische Kultur war vor dem Krieg und vielleicht auch noch danach viel „europäischer“, da muss man gar nicht nur an Kafka denken.

Vielen Dank für das Interview!

„Gemeinsam ist und allen, dass wir Europäer und Europäerinnen sind.“

Dr. Simone Blaschka im Interview

Dr. Simone Blaschka
Dr. Simone Blaschka, Foto: Stefan Volk

Hallo Frau Dr. Blaschka, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen. Wir beginnen mit der Frage zu Ihrer Person: Wer sind Sie?

Mein Name ist Simone Blaschka und ich leite das Deutsche Auswandererhaus in Bremerhaven. Als Migrationshistorikerin und Museumsmensch reise und lese ich sehr gern. Mit meinen 51 Jahren habe ich hobbymäßig letztes Jahr begonnen, Tschechisch zu lernen, weil ich Land, Leute und Literatur in ihrer Sprache kennenlernen möchte.

Was ist Ihre Verbindung zu Tschechien?

Mein Großvater war Tscheche. Ich habe als Kind meine Uroma und meine anderen tschechischen Verwandten mehrmals in der damaligen Tschechoslowakei besucht. Leider konnten wir nicht viel miteinander reden, weil ich kein Tschechisch und sie kaum Deutsch verstanden, wir haben also viel gelächelt.

Wann waren Sie zuletzt in Tschechien – und was war der Anlass?

Zuletzt war ich Anfang Juli 2023 in Tschechien. Ich wollte schon lange einmal wieder alle Orte abzufahren, die ich von den früheren Reisen dorthin erinnere. Es war also etwas nostalgisch, aber ich habe auch viel Neues entdeckt.

Was ist Ihrer Meinung nach typisch deutsch, was ist typisch tschechisch? Und was sind Gemeinsamkeiten?

Ich versuche das Denken in nationalen Typen und Kategorien zu vermeiden. Gemeinsam ist uns allen, dass wir Europäerinnen und Europäer sind.

Das Verbindende: Gibt es etwas, das Menschen aus Tschechien und Deutschland voneinander lernen können / sollten?

Vielleicht weniger voneinander als miteinander: Gute Nachbarschaft.

Suchen Sie sich bitte eine der beiden Sprachen aus:  Was ist Ihr Lieblingswort auf Deutsch bzw. auf Tschechisch – und warum?

Mein Lieblingswort in meinem noch sehr überschaubaren tschechischen Wortschatz lautet dědeček – Großvater. Weil ich mich so gern an meinen eigenen erinnere und es schön klingt.

Ausblick für die Zukunft: Denken Sie, beide Länder sollten noch mehr in den Austausch gehen, ihre Verbindung zueinander verstärken, auch im Sinne eines gemeinsamen europäischen Gedankens? Haben Sie einen Wunsch / eine Vision, wie das aussehen könnte?

Ich fände es schön, wenn an deutschen Schulen und Universitäten die Beschäftigung   mit der tschechischen Geschichte und aktuellen Politik den gleichen Stellenwert bekäme, wie diejenige mit der französischen, denn auch wir sind direkte Nachbarn. Das würde sicherlich zum gegenseitigen Verständnis beitragen.

Vielen Dank für das Interview!

Das geographische Herz Europas

Joachim Ossmann im Interview

Joachim Ossmann

Wir beginnen mit der Frage zu Ihrer Person: Wer sind Sie? Hier dürfen Sie alles über Ihre Person teilen, was Sie möchten, z. B. Beruf, Alter, Lieblingsessen, Hobbies, Lieblingsmusik, etc. …  

Seit 2018 leite ich die Agentur für Arbeit Bremen-Bremerhaven. Zu meinem Lieblingsessen gehören natürlich Palatschinken und gefüllte Buchteln. In meiner Freizeit bin ich begeisterter Ruderer und singe als Tenor im deutsch-französischen Chor Bremen. Zur Lieblingsmusik fällt mir keine ein, aber zum Lieblingsbuch: Gebrauchsanweisung für Zugreisende von Jaroslav Rudis.

Was ist Ihre Verbindung zu Tschechien?

Ich habe viele Jahre in der Oberpfalz an der bayerisch-tschechischen Grenze gelebt und kenne deshalb Westböhmen und speziell das Chodenland sehr gut. In der Zeit habe ich auch intensiv mit der tschechischen Arbeitsverwaltung zusammengearbeitet und im Nachbarland viele Freunde gefunden Ich bin immer noch Mitglied des Centrums Bavaria Bohemia (CEBB) in Schönsee und mag auch die tschechische Sprache sehr. Leider sind meine Kenntnisse aber mit der Zeit verblasst.

Wann waren Sie zuletzt in Tschechien – und was war der Anlass?

Im Juni ´23 in Marienbad, als ich mit bayerischen Freunden eine Radtour von Weiden aus gemacht habe.

Was ist Ihrer Meinung nach typisch deutsch, was ist typisch tschechisch? Und was sind Gemeinsamkeiten?

Deutsch: Grundsätzlichkeit, tschechisch: verschmitzter Humor, gemeinsam: die Liebe zum Bier

Suchen Sie sich bitte eine der beiden Sprachen aus:  Was ist Ihr Lieblingswort auf Deutsch bzw. auf Tschechisch – und warum?

Kleinod und klenoty, weil das die Verwandtschaft beider Sprachen so schön zum Ausdruck bringt.

Ausblick für die Zukunft: Denken Sie, beide Länder sollten noch mehr in den Austausch gehen, ihre Verbindung zueinander verstärken, auch im Sinne eines gemeinsamen europäischen Gedankens? Haben Sie einen Wunsch / eine Vision, wie das aussehen könnte?

Deutschland und Tschechien haben eine unglaublich lange gemeinsame Geschichte und bilden auch geographisch das Herz Europas. Wir sollten uns dessen immer bewusst sein und für die europäische Idee eintreten. Dazu braucht es vor allem eine intensive grenzüberschreitende Jugendarbeit.

Möchten Sie noch etwas ergänzen?

Bei der Beantwortung der Fragen habe ich gemerkt, wie lange ich schon nicht mehr in meiner Lieblingsstadt Prag war. Ich muss unbedingt wieder hin: na pivo u zlateho tygra!

„Ab 17 Uhr werden die Deutschen zu Tschechen!“ 

Dr. Michael Maj im Interview 

Portraitfoto von Dr. Michael Maj
Dr. Michael Maj

Hallo Herr Dr. Maj, vielen Dank, dass Sie sich Zeit für uns nehmen. Wir steigen gleich mit der wichtigsten Frage ein: Wer sind Sie? Was möchten Sie uns über sich verraten? 

Guten Tag Frau Rehak, vielen Dank, dass ich heute hier sein und mich an dem Projekt beteiligen kann. Ich bin 34 Jahre alt und arbeite als Zahnarzt und Medizinjournalist. Meine Familie ist bereits in dritter Generation in der Zahnmedizin tätig. Außerhalb der Zahnmedizin bin ich im Familienunternehmen meiner Freundin in Österreich aktiv. Ich pendele daher sehr viel zwischen den Standorten Bremen und Oberösterreich.  

Meine Hobbys sind: Autos, Sport, Reisen – und Musik. Ohne Musik kann ich mir ein Leben nicht vorstellen. 

Was ist Ihre Verbindung zu Tschechien? 

Das hat mit meiner Familiengeschichte zu tun. Tatsächlich besteht meine Familie für mich vor allem aus drei Personen, meinen Großeltern und meiner Mutter. Meine Eltern haben sich sehr früh getrennt. Mein Großvater stammt aus Kroatien, aus der Nähe von Zagreb und hat in Prag an der Karls-Universität Zahnmedizin studiert. Meine Großmutter stammt aus Thammühl, von wo sie zu einem späteren Zeitpunkt vertrieben worden war. Meine Großeltern haben lange Zeit in Prag und Karlsbad gewohnt, bevor sie über Wien nach Friedrichshafen und anschließend nach Bremen gelangt sind.  

Welche Rolle spielt die tschechische Sprache in Ihrem Alltag?  

Ich kann fast alles verstehen, sowohl in Wort als auch in Schrift. Das aktive Sprechen fällt mir etwas schwerer.  

Ich möchte die Sprache aber unbedingt wieder selbst sprechen, da für mich die tschechische Sprache eine sehr große familiäre und emotionale Bedeutung hat und mit Deutsch und Englisch zusammen meine Muttersprache ist. 

Wann waren Sie zuletzt in Tschechien – und was war der Anlass?  

Das war im November ´22, im Deutsch-Tschechischen Salon im Schwarzen Schwan in Prag. Dort wurde die neueste Ausgabe des N&N-Magazins präsentiert. Ich kenne die Verlegerin Danuše Siering, weshalb ich zu dieser Veranstaltung eingeladen wurde. Dort war unter anderem auch Tomaš Kafka, der tschechische Botschafter aus Berlin, anwesend. Es war ein sehr schöner, inspirierender Abend.   

Was ist Ihrer Meinung nach typisch deutsch, was ist typisch tschechisch? Und was sind Gemeinsamkeiten?  

Etwas, das ich an Tschechien enorm positiv finde, ist der Humor. Das ist etwas, das die Tschech*innen für mich ausmacht. Und natürlich das gute Essen. Es gibt in Prag das tolle Restaurant „Zum Schwejk“. {1} 1Diese Figur steht für den typisch tschechischen Humor. Schwejk in Verbindung mit Essen vereint für mich die zwei Dinge, die ich an Tschechien großartig finde.  

Die Deutschen sind weniger für ihren Humor als für ihre Effizienz, Genauigkeit und Pünktlichkeit bekannt. Das klingt zwar ein bisschen klischeehaft, aber ich finde, einige dieser Klischees sind tatsächlich wahr – und an sich sind das ja auch positive Eigenschaften. 

Eine Gemeinsamkeit der beiden Nationen sehe ich in der Liebe zum Sport. Bei den Deutschen ist es der Fußball, in Tschechien das Eishockey. Außerdem schätzen sowohl Deutsche als auch Tschechen ein gutes Bier und gute Hausmannskost – und alles, was damit in Verbindung steht: Treffen mit Freunden, gemeinsame Sportabende oder Kneipenbesuche, ein lebendiges Zusammenkommen.  

Die Deutschen brauchen für diese Stimmung aber den Feierabend. Man könnte sagen: Ab 17 Uhr werden die Deutschen zu Tschechen!   

Das Verbindende: Gibt es etwas, das Menschen aus Tschechien und Deutschland voneinander lernen können / sollten?  

Die Deutschen könnten von Menschen aus Tschechien lernen, mehr zu lachen. Die Deutschen haben für alles einen Plan, und am besten noch einen Plan B, falls Plan A nicht klappen sollte. Ich finde, Menschen aus Tschechien sind viel mehr Überlebenskünstler*innen, sie sind nicht immer so durchgeplant, können aber gerade deswegen gut improvisieren, gehen spontaner und vor allem auch kreativer an die Dinge heran.  

Im Großen und Ganzen denke ich aber: Man sollte die Menschen so sein lassen, wie sie sind. Jede Nation hat ihre Eigenheiten und das ist auch gut so. 

Suchen Sie sich bitte eine der beiden Sprachen aus:  Was ist Ihr Lieblingswort auf Deutsch bzw. auf Tschechisch – und warum?  

Hier würde ich gern mit einem ganzen Satz antworten bzw. mit einem Sprichwort: „Bez peněz do hospody nelez“ (dt.: „Du sollst nicht ohne Geld in eine Kneipe gehen.“) 

Die Tschech*innen werden sicher sofort verstehen, was ich meine, den deutschen Leser*innen muss man es vermutlich kurz erklären. Ich kenne von meinem Großvater die Geschichte, dass er, als er noch jung war, mit Freunden in eine Kneipe gegangen ist und einer der Freunde hatte kein Geld dabei. Es war damals ganz selbstverständlich, dass die Freunde zusammengelegt haben, damit derjenige ohne Geld trotzdem dabei sein konnte. Einen Freund zuhause zu lassen, wäre undenkbar gewesen. Der Vater meines Großvaters hatte ihm früher gesagt, dass er immer Geld bei sich haben soll, um für solche Momente vorbereitet zu sein. Als ich dann jugendlich wurde, wurde mir die Geschichte wiederum von meinem Großvater erzählt. Der Spruch kann sich ganz konkret auf die Kneipensituation beziehen, kann aber auch davon losgelöst sein und generalisiert werden. „Geh nicht ohne Geld in die Kneipe“ heißt im übertragenen Sinne: „Sei auf gewisse Situationen wenigstens ein bisschen vorbereitet – und sei es auch nur, damit du deinen Freund auf ein Bier einladen kannst.“ Ich finde, darin spiegelt sich auch das für mich sehr tschechische Thema Gemeinschaft und Genuss wider.  

Ausblick für die Zukunft: Denken Sie, beide Länder sollten noch mehr in den Austausch gehen, ihre Verbindung zueinander verstärken, auch im Sinne eines gemeinsamen europäischen Gedankens? Haben Sie einen Wunsch / eine Vision, wie das aussehen könnte?  

Tatsächlich finde ich, dass diesbezüglich bereits einiges unternommen wird. Es wird gemeinsam an Projekten gearbeitet, besonders in Grenzregionen. Die Deutschen fahren gerne nach Tschechien, um zum Beispiel in Prag ein schönes Wochenende zu verbringen. Ebenso besuchen auch Tschech*innen gerne deutsche Städte. Aus meiner Sicht entwickelt sich alles in die richtige Richtung. Die Kommunikation funktioniert, politisch gibt es keinen Druck, die beiden Länder haben bereits eine sehr positive Verbindung. 

Vielen Dank, Herr Dr. Maj! 


  1. „Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“ ist ein unvollendeter antimilitaristischer Roman von Jaroslav Hašek, geschrieben in den Jahren 1920 – 23. Die Hauptfigur Schweijk ist ein satirisch überzeichneter Charakter, der mit Humor und auch einer gewissen Dreistigkeit auf Missstände in der Armee aufmerksam macht.    ↩︎

Die Deutschen zischen, die Tschech*innen krähen

Dr. Eliška Dunowski im Interview

Dr. Eliška Dunowski

Hallo Frau Dr. Dunowski, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen.  Wir steigen direkt ein: Wer sind Sie?

Ich bin gebürtige Tschechin, 36 Jahre alt und promovierte DaF-Didaktikerin* (Anmerkung: DaF = „Deutsch als Fremdsprache“) und lebe seit zehn Jahren in Deutschland. Beruflich bin und war ich in vielen Feldern aktiv, unter anderen als Lektorin in Brno, als Lehrkraft für Deutsch als Zweitsprache am Goetheinstitut sowie als Beurteilerin im Bereich der deutschen Sprachzertifikate. Derzeit verschiebt es sich mehr in Richtung Forschung und Lehre, ich arbeite an der Uni Bremen als Wissenschaftliche Mitarbeiterin, vor allem in der Lehramtsausbildung und im unterrichtlichen Kontext.  

Was außerdem mich als Person sehr geprägt hat, ist, dass ich einen deutschen Seemann geheiratet habe. Das hat mir viele neue Perspektiven eröffnet. Und es hat meine Perspektive aufs Meer verändert.

Inwiefern? Den Tschech*innen wird ja eine gewisse romantische Sehnsucht nach dem Meer nachgesagt, um einmal ein Klischee zu strapazieren…

Ja, das stimmt (lacht). Wenn Tschech*innen vom Meer reden, meinen sie meistens das Mittelmeer oder die Adria, also einen Ort, an dem es warm ist. Wenn ich erzähle, dass ich mit meiner Familie ein paar Tage an der Nordsee war, fällt die Begeisterung nicht so groß aus. „Viel zu kalt“ heißt es dann. Ich habe für mich allerdings entdeckt, dass ich Nord- und Ostsee wunderschön finde. Das wollen mir meine Bekannten in Tschechien immer nicht glauben.

Wann waren Sie zuletzt in Tschechien – und was war der Anlass?

Ich komme gerade von einem Besuch wieder. Ich war bei meiner Familie und habe meine Kinder zu den Großeltern gebracht. Wenn nichts dazwischenkommt, bleiben sie dort für den Rest der Ferien.

Das heißt, Ihre Kinder haben viel Kontakt zur tschechischen Verwandtschaft?

Ja, das ist mir sehr wichtig. Auch, dass die Kinder zweisprachig aufwachsen. Mein Mann hat ebenfalls Tschechisch gelernt, um sich mit meiner Familie unterhalten zu können. Das funktioniert sehr gut, er kann inzwischen alles gut verstehen.

Ich fand es auch sehr spannend zu beobachten, wie es sich bei meinen Kindern entwickelt. Mein Ältester hat immer viel tschechisch gesprochen und großen Wert daraufgelegt. Er hat da viel Ehrgeiz. Unsere Mittlere dagegen hat erst mit vier Jahren angefangen, aktiv tschechisch zu sprechen, dann ist es aber förmlich explodiert. Diese Entwicklungen kamen für mich nicht so überraschend, weil ich mich beruflich mit Sprache und Spracherwerb beschäftige, aber es ist sehr spannend, das Ganze einmal selbst zu erleben und direkt zu begleiten.  Und bei unserem Kleinsten verläuft die Sprachaneignung vom Tschechischen auch wieder ganz anders als bei den beiden großen.

Was ist Ihrer Meinung nach typisch deutsch, was ist typisch tschechisch? Und was sind Gemeinsamkeiten?

Also, ganz klar: Die Sache mit den Regeln. Das ist für mich sehr deutsch. Völlig egal, ob es ums Autofahren geht oder um Lizenzverträge: Wenn es eine Regel gibt, dann hält man sich in Deutschland daran.

In Tschechien ist eher das Gegenteil der Fall: Es gibt Regeln, aber ein gewisser, ich sage mal, lockerer Umgang damit ist eher der Normalfall als die Ausnahme.

Und: Deutsche und Tschech*innen schimpfen unterschiedlich. Das finde ich im Kontext von Sprache und Sprechen sehr spannend.

Inwieweit unterscheidet es sich?

Wenn einem etwas wirklich Blödes passiert, sagt man in Deutschland ein Wort, in dem irgendwo ein „sch“ vorkommt – in verschiedenen Variationen. Die Deutschen zischen, wenn sie fluchen. Bei Tschech*innen ist es eher ein Krähen. Tatsächlich habe ich festgestellt: Die typisch deutschen Zisch-Laute stellen mich nicht zufrieden. Sie drücken für mich nicht annähernd das aus, was ich fühle, wenn ich richtig wütend bin.

Diese Frage ist eigentlich untypisch und weicht etwas vom Skript ab. Aber jetzt muss ich sie stellen: Welche Sprache benutzen Sie, wenn Sie wütend sind?

Was denken Sie? (lacht) Generell ist auch mein Eindruck: Die Grenze dessen, was als „schlimmes Wort“ empfunden wird, ist in Deutschland deutlich niedriger. Was im Tschechischen noch als „Emotionalität“ durchgeht, als ein einfaches Aufregen, zum Beispiel im Straßenverkehr, würde – wenn man es wörtlich übersetzt – auf Deutsch als deutlich derber und härter wahrgenommen. Ohne dass es wirklich so gemeint ist.

Das Verbindende: Gibt es etwas, das Menschen aus Tschechien und Deutschland voneinander lernen können / sollten?

Ich finde, was die Tschech*innen sich von den Deutschen abschauen sollten, ist die Toleranz, eine Offenheit – und zwar in allen Bereichen. In Tschechien wird sehr schnell gewertet und bewertet. Das ist natürlich mein subjektiver Eindruck, aber so einfach und pauschal funktioniert es eben nicht. Außerdem sollten die Leute sich einmal die Frage stellen: Was macht es eigentlich mit mir, wenn ich den ganzen Tag bewerte – und meinerseits auch bewertet werde? Auch das Thema mit den Geflüchteten: Das gibt es oft die Aussage: Man wolle keine Geflüchteten, das sei ja alles „ganz ganz schlimm“. Sowas hört man von Menschen – auch gebildeten Menschen! – die noch nie im Leben wirklich Kontakt mit Geflüchteten hatten. Und wenn man nachfragt, was genau denn „so schlimm“ sei, haben diese Menschen keine Antwort, kein Argument.

Damit möchte ich übrigens nicht sagen, dass ich mit allem einverstanden bin, wie es ein Deutschland gehandhabt wird.

Umgekehrt denke ich: Die Lockerheit. Die könnten sich die Deutschen ruhig von den Tschech*innen abgucken. Dass man nicht jede Regel so genau nehmen muss, dass es nicht ganz so schlimm ist, wenn die Nachbarn mal etwas lauter Musik hören, weil es etwas zu feiern gibt. Ein bisschen mehr Emotionalität könnte auch nicht schaden.

Als nächstes kommt die Frage nach Ihrem Lieblingswort. Da Sie sich so viel mit Sprache beschäftigen, bin ich auf Ihre Antwort nun besonders gespannt.

Mein deutsches Lieblingswort ist „Rhabarbermarmelade“. Ich finde, dass diese Marmelade einfach genauso schmeckt, wie das Wort sich anhört.

Mein Lieblingswort auf Tschechisch ist „laskavý“. Das wird auf Deutsch häufig mit „nett“ oder „freundlich“ übersetzt, aber ich finde, das trifft es nicht. Es umfasst auch Dinge wie Rücksichtnahme. Eigentlich bräuchte ich mindestens zehn deutsche Wörter, um treffend zu beschreiben, was „laskavý“ bedeutet.

Ausblick in die Zukunft: Gibt es etwas, was Sie sich wünschen würden, was den Umgang beider Länder miteinander betrifft?

Ich komme aus dem Riesengebirge, dem ehemaligen Sudentenland, und habe in Brünn, von woher man schneller in Wien ist als in Prag, studiert. Ich habe sowohl in meiner Schullaufbahn als auch während meines Studiums kaum Projekte erlebt, die sich mit den Gemeinsamkeiten der Länder beschäftigt haben, und habe diese Trennschärfe „tschechisch“ vs. „deutsch“ sehr unkritisch gelebt und erlebe diese immer noch. Und das finde ich sehr schade und wünschte, dass in diesem Sinne mehr passiert. Ich würde mir wünschen, dass es auch im regulären Unterricht und auch außerhalb des Grenzgebiets mehr Projekte für junge Leute gibt, die sich mit den Gemeinsamkeiten beider Länder beschäftigen. Denn nicht nur historisch bedingt ist eine Menge an Gemeinsamkeiten vorhanden.
Ich freue mich ganz aufrichtig, dass ich nun auch in diesem Projekt der Bremer Bündnis mitmachen darf. Vielen Dank dafür!

Vielen Dank für das Interview.

Deutsch, tschechisch, europäisch

Im Interview: Professor Dr. Michal Kucera

Prof. Dr. Michal Kucera, Foto: Universität Bremen

Hallo Herr Professor Kucera, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für ein Interview nehmen. Die wichtigste Frage natürlich zuerst: Wer sind Sie? Was möchten Sie uns über sich verraten?

Ich bin 1971 in Ceské Velenice, einem kleinen Ort an der tschechisch-österreichischen Grenze geboren. Ich habe in Prag Geologie studiert und in Schweden promoviert. Dort habe ich auch meine Frau kennen gelernt. Danach bin ich beruflich sehr oft umgezogen und wir konnten viele Ecken der Welt kennenlernen:  Kalifornien, London und Tübingen. Seit 2012 arbeite ich an der Universität Bremen als Professor am Zentrum für Marine Umweltwissenschaften. Wir leben mit meiner Frau und unserem Sohn im Stadtteil Horn.

Meine Familie und viele Freunde leben weiterhin in Tschechien, daher besteht viel Kontakt und wir reisen regelmäßig dorthin. Ich verfolge auch die Entwicklung des Landes nach der Wende mit großem Interesse, und beobachte natürlich auch die Politik. Die Teilung von Tschechien und der Slowakei  war das letzte große politische Ereignis als ich noch in meiner Heimat lebte. Ich bin zum Teil Slowake und halte die Trennung bis heute für einen großen Fehler. 

Wie gefällt Ihnen Bremen – auch im Vergleich zu ihren bisherigen Erfahrungen?

Wir sind hier sehr zufrieden, auch beruflich war es eine gute Wahl, in meinem Fachbereich ist Bremen absolute Spitze. Wir erleben Deutschland als sehr offen, tatsächlich deutlich offener als zum Beispiel Schweden, und wir fühlen uns in Bremen gut eingebunden, sogar ein Tick besser als in Tübingen in Süddeutschland, wo wir sieben Jahre vorher verbrachten. Meinen tschechischen Pass werde ich wohl behalten, aber wir wollen erst einmal hierbleiben. Daher bin ich an der Universität einen Verantwortungsposten eingegangen, seit 2022 bin ich Konrektor für Forschung und Transfer.

Dürfen wir neugierig sein? Wenn Sie so international eingebunden sind, welche Sprache(n) sprechen Sie in der Familie?

Zu Hause sprechen wir vor allem Schwedisch. Deutsch war für mich die fünfte Sprache, die ich gelernt habe. Für unseren Sohn dagegen war es die Erste. Tatsächlich bezeichnet er Deutsch als seine Muttersprache. Wir wechseln aber auch oft hin und her.

Wann waren Sie zuletzt in Tschechien – und was war der Anlass?

Das war einer der erwähnten Familienbesuche, Ostern 2023. Während der Corona-Pandemie war das natürlich nur sehr beschränkt, teilweise gar nicht möglich. Daran knüpfen wir jetzt wieder an.

Was ist Ihrer Meinung nach typisch deutsch, was ist typisch tschechisch? Und was sind Gemeinsamkeiten?

Wir haben, wie schon erwähnt, an verschiedenen Orten auf der Welt gelebt und aus dieser Perspektive, mit dieser Erfahrung, erlebe ich beide Länder als überraschend ähnlich. Gar nicht so sehr als deutsch oder tschechisch, sondern eher als europäisch. Ich würde da aber noch einmal einen Unterschied machen zwischen Nord- und Süddeutschland. Im süddeutschen Raum sehe ich mehr Gemeinsamkeiten zu Tschechien, zur tschechischen Kultur. Norddeutschland erlebe ich als deutlich offener, es erscheint mir kosmopolitischer. Vielleicht liegt das am Zugang zum Meer und dass dadurch schon immer viel Austausch mit der Welt stattgefunden hat.

Das Verbindende: Gibt es etwas, das Menschen aus Tschechien und Deutschland voneinander lernen können?

Fangen wir mit Tschechien an. Nach der Wende hat sich hier ein zu starker Materialismus breit gemacht, es gab einen starken Fokus auf Besitz. Das ist eine Transformation, die ich nicht positiv finde. Wie kann ich schnellstmöglich reich werden? Diese Frage trieb sehr viele Menschen um und bestimmte zu viel das öffentliche Geschehen im Land. Das muss sich ändern, und ich hoffe, das tut es auch langsam. Statt: Mein Besitz, mein Haus, mein Grundstück soll mach breiter denken: Mein Dorf, mein Umfeld, wie sieht die Straße aus, auf der ich laufe? Es sollte nicht egal sein, wie es meinem Nachbarn geht. Die nach Wende herrschende Form von Extremkapitalismus fand ich wirklich bedenklich und fremd. Dafür haben wir 1989 die Revolution nicht gemacht.

Auch die Wertschätzung von Bildung und Wissenschaft finde ich enorm wichtig, nicht nur als Möglichkeit, Karriere zu machen, sondern auch unter dem Aspekt, etwas beizutragen, sich einzubringen, am Ende auch für die Demokratie. Das alles funktioniert – so mein Eindruck – in Deutschland besser.

Umgekehrt kann Deutschland einiges von Tschechien lernen in dem Punkt Infrastruktur, was die Wertschätzung von Arbeit und Familie angeht. Ich bin ganz ehrlich: Als ich hergekommen bin, war ich schockiert über die Umstände. Die Kita hat – ich übertreibe! – zwei Stunden geöffnet, man kann gerade mal einkaufen gehen und muss die Kinder schon wieder abholen? Was ist das? Ja, das ändert sich, es gibt manchmal sogar Essen in der Schule und Ganztagsbetreuung, es wird auch besser. Aber aus Tschechien kenne ich es anders, da ist das schon lange ganz normal. Es muss Müttern ermöglicht werden, zu arbeiten!

Suchen Sie sich bitte eine der beiden Sprachen aus:  Was ist Ihr Lieblingswort auf Deutsch bzw. auf Tschechisch – und warum?

Ich mag das deutsche Wort „nachvollziehbar“. Das finde ich als Konzept sehr praktisch, gerade im wissenschaftlichen Kontext. Im Tschechischen gibt es keine Entsprechung dazu. Man muss es immer umschreiben.  

Ausblick für die Zukunft: Denken Sie, beide Länder sollten noch mehr in den Austausch gehen, ihre Verbindung zueinander verstärken, auch im Sinne eines gemeinsamen europäischen Gedankens? Haben Sie einen Wunsch / eine Vision, wie das aussehen könnte?

Ich denke, Deutschland und Tschechien haben oft ähnliche Ziele, sind aber politisch nicht genau gleich. Migration ist da immer ein Thema. Tschechien haftet da ein Image mangelnder Offenheit an. Das muss man aber, mit Verlaub, auch im historischen Kontext sehen. Zum Beispiel haben Tschechien und die Türkei eine eigene Geschichte, die anders ist als die Geschichte von der Türkei und Deutschland. Dafür gibt es in Tschechien sehr viele Migrant*innen aus Vietnam. Das ist natürlich postkommunistisch, ähnlich wie ein der DDR, aber es ist eine sehr große, sehr lebendige Community. Deshalb finde ich, das Vorurteil ist etwas schief und nicht umfassend betrachtet. Was Austausch und Annäherung angeht, denke ich: Da ist bereits viel passiert. Ich nenne als Beispiel einmal das Gebiet Sudetenland. Aus meiner Kindheit erinnere ich mich vor allem an viel Stacheldraht. Diese Grenzen sind jetzt weg. Wenn ich mit meinem Sohn durch die Gegend aus meiner Kindheit fahre und ihm zeigen will, wo früher der Grenzverlauf war, fällt es mir manchmal schwer, die Stellen noch zu finden. Das ist natürlich eine Generationenfrage, die jungen Leute kennen das gar nicht mehr anders als offen, und ich finde: Das ist eine sehr positive Entwicklung.

Vielen Dank, Herr Professor Kucera, für Ihre Zeit und den Austausch!


Weiter Informationen unter:

https://www.uni-bremen.de/universitaet/organisation/rektorat/prof-dr-michal-kucera