Bremer Bündnis für deutsch-tschechische Zusammenarbeit

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Corinna Kappel

Foto: Manja Herrmann

Corinna Kappel wurde 1961 in Querfurt geboren. Bereits als Kind hegte sie den Wunsch, Ärztin zu werden. Aufgrund ihrer hervorragenden Noten konnte ihr ein Studium nicht verwehrt werden und sie fing an, Medizin zu studieren. Ein bereits 1988 gemeinsam mit ihrem Mann gestellter Ausreiseantrag wurde abgelehnt, auch eine Ausreise über die westdeutsche Vertretung in Berlin scheiterte. 1989 verließ sie die DDR gemeinsam mit ihrem Mann und dem gemeinsamen Sohn Hannes über die bundesdeutsche Botschaft in Prag. Zu diesem Zeitpunkt war sie bereits schwanger mit ihrer Tochter Anne, die wenige Tage nach der Flucht geboren wurde. Durch ihre Schwangerschaft erfuhr sie große Solidarität von dem Botschaftspersonal und anderen Geflüchteten. Heute wohnt sie mit ihrer Familie in Worms und arbeitet als Ärztin im Gesundheitsamt.

Welche Gründe haben Sie bewogen, die DDR zu verlassen?

Es waren vorrangig politische Gründe. Materiell ging es uns damals sehr gut. Wir hatten eigentlich alles, was man dort erreichen konnte. Aber es wuchs halt die Unzufriedenheit mit der Politik. Dass du nicht reisen konntest, wie du wolltest. Du warst eingesperrt. Du wurdest ja mundtot gemacht, wir wurden noch überwacht. Im Haus gegenüber von uns hat man immer Neonlampen [gesehen], da hast du richtig gesehen, dass wir beobachtet wurden. Unser Telefon wurde abgehört. Das knackte immer. In der DDR war es nicht üblich, dass man Telefone hatte, weil wir Ärzte waren, mein Mann Zahnarzt, hatten wir diese Vergünstigung. Und die Lage hat sich auch zugespitzt. Mein Mann war sehr offen, der hat immer seine Meinung gesagt und dann mussten wir halt weg. Und vorher hatten wir noch einen Ausreiseantrag gestellt, so ein Jahr vorher. Bevor Prag aufgemacht hat und da hatten wir auch alle unsere Gründe aufgeführt. Meinen Eltern hatten wir es nicht gesagt, dass wir einen Ausreiseantrag [gestellt] hatten, aber den Schwiegereltern. Die Eltern von meinem Mann wussten es. Und die haben noch gesagt, das kannst du doch nicht machen zu meinem Mann und er hat extra gewartet, bis sein Papa 60. war, damit sie ihm dann nicht mehr viel konnten beruflich.

Hatten Sie das Gefühl, dass sich die Repressalien gegen Sie verstärkt haben, nachdem Sie den Ausreiseantrag gestellt hatten?

Kann man so nicht direkt sagen, weil die Stasi mittlerweile schon so weit war, dass die dann gesagt haben: Wir wissen selbst, dass hier einiges nicht stimmt. Also da kann ich mich noch gut daran erinnern. Sie kommen hier nie raus, haben sie noch gesagt. Ja, das waren die Aussagen. Und meinen Mann, den haben sie ständig verfolgt und Druck gemacht. Deswegen sind wir dann ad hoc los. Ich habe unseren Sohn aus der Schule geholt und wir sind direkt in die Prager Botschaft gefahren. Mich haben sie halbwegs in Ruhe gelassen, muss ich sagen. Das war alles noch soweit okay. Ich war ja fast im Mutterschutz, von daher kann ich da nichts weiter zu sagen.

Was haben Sie damals gearbeitet, wie sah Ihr soziales Netz aus, wie sahen Ihre Lebensumstände aus?

Ich war damals als Assistenzärztin in einer Poliklinik tätig [und] war in der Facharztausbildung für Allgemeinmedizin. Hatte einen Acht-Stunden-Tag gehabt und unser Sohn ging in die Schule, der war gerade eingeschult [worden] am 1. September. Mein Mann war in einem Ambulatorium tätig als Zahnarzt. Wenn du fertig warst, hast du 800 DDR-Mark verdient. Die Putzfrau hatte 1000 DDR-Mark. Nur mal am Rande, um zu zeigen, [dass] es ein Arbeiter- und Bauernstaat war. Die Intelligenz wurde unterdrückt und die Arbeiter und Bauern wurden gefördert. So war es auch mit den Studienplätzen, ich habe meinen Studienplatz nur gekriegt, weil ich wirklich durch Leistung [reingekommen bin]. Ich hatte [einen] 1,0 [Abschluss], habe mich damit beworben, deswegen hat das auch gut geklappt. Mein Mann hatte da mehr Probleme, weil er Intelligenzlerkind war. Bei mir lief es dadurch. An Leistung kommst du nicht vorbei. Für [ein] Medizinstudium brauchtest du damals 1,0, das habe ich abgeliefert und damit war die Sache klar.

Wie wurde denn damals in der DDR über Flucht gesprochen? Also auch in Ihrem familiären- und Bekanntenkreis und kannten Sie Personen, die bereits vorher geflohen waren?

Wir kannten Personen und dadurch sind wir auch auf die deutsche Botschaft in Berlin gekommen. Die hatten ein halbes Jahr, bevor wir weg sind, diese Botschaft besetzt und hatten die Zusage bekommen, dass sie in einem halben Jahr rauskommen. Das war für uns eine [große] Motivation, mein Mann hat da ständig angerufen und die haben immer gesagt: Schauen Sie sich anders um, die Botschaft ist jetzt geschlossen. Die war dann also dicht, weil es [zu] viele Leute versucht hatten. Und im Umfeld gab es auch Spione, wo wir wussten, die sind bei der Stasi. Das hast du schon an den Fragen gemerkt. Die haben bei uns immer Tee gekriegt, es gab keinen Alkohol, wenn die abends vorbeigeschnorrt sind. Da wusstest du ganz genau, wer dazugehört. Sicher nicht bei allen, waren sicher auch einige [dabei], wo wir es nicht wussten. Aber dann kam einer zum Beispiel und hat uns erzählt: Ich will jetzt einen Ausreiseantrag stellen. Kannst du mir nicht dabei helfen? Was schreibe ich denn da rein? Das war also bisschen offensichtlich. Und ansonsten hatten wir einen guten Bekannten- und Freundeskreis. Unsere Freunde sind zum Beispiel auch in die versiegelte Wohnung, die Stasi hat [nach der Flucht] gleich die Wohnung versiegelt und die haben unsere Papiere rausgeholt. Wir sind ja ohne Papiere los. Wir konnten keine Approbation oder Doktorarbeit oder irgendetwas mitnehmen, dann wäre ja offensichtlich [gewesen] was du vorhast. Und das müssen wir unseren Freunden wirklich hoch anrechnen, die haben da wirklich noch unsere Papiere rausgeholt, auch die Fotos, die Alben, das haben wir alles gekriegt, diese persönlichen Sachen, alles andere war dann nicht mehr wichtig.

Haben Sie Ihren Sohn irgendwann aufgeklärt, dass es kein Urlaub sein wird, hat er sich das irgendwann selbst gedacht?

Wir haben immer diese Sendung über die Flucht geguckt. Das [mit der] Prager Botschaft lief ja schon eine Weile. Oder die Ausreise, waren ja viele über Ungarn weg. Die haben das eigentlich vorangetrieben. Dann diese Demonstrationen in Leipzig. Das haben wir immer im Fernsehen verfolgt und der ist ja nicht doof. Mit sechs Jahren kriegst du das schon mit. Als wir an der Grenze gefilzt wurden, habe ich nur gesagt, sag bloß nichts, als wir gemerkt haben, die holen uns raus. Die haben natürlich gefragt, der ist schulpflichtig, wieso fahren Sie jetzt hier durch die Gegend? Und dann hat mein Mann gesagt, der war immer im U Fleků als Student schon und wir machen jetzt Urlaub. Und unser Sohn hat Asthma, er ist zurückgestellt, er ist schwer krank und geht dann nicht in die Schule. Ob sie es geglaubt haben oder nicht, die haben drei Stunden unser Auto zerlegt. Und als wir ankamen in Prag, das war schon ganz spannend. Es war dunkel, halb sieben war das und wir wussten nicht, wo die Botschaft ist. Wir haben uns einen Taxifahrer gesucht und haben den gebeten, vorzufahren und dann zu bremsen, wenn wir da sind, also ein Bremszeichen [zu geben], drei Mal Bremsen oder so. Und dann sind wir angekommen und auf einmal hat er gebremst und dann waren wir umstellt von lauter Militär mit Pistolen, Waffen. Überall war Infrarotlicht in den Fenstern und auch Schäferhunde. Die haben gefragt, was wir wollen oder so, wir haben es ja nicht verstanden. [Wir sind] umgedreht und haben das Auto unten an die amerikanische Botschaft gestellt. Und da habe ich schon gesagt, du, es ist mir jetzt hier zu heiß, ich hatte richtig Angst. Und er sagt nein, wir stellen jetzt das Auto an die amerikanische Botschaft und gucken uns das nochmal an. Lassen alles im Auto, wir nehmen nichts mit und laufen da einfach mal hoch. Und das haben wir dann auch gemacht. [Als] wir da hochgelaufen sind, kam uns einer mit dem Walkie-Talkie oder mit Kopfhörern entgegen und sagte nur: Vorsicht. Ich weiß nicht was das sollte, wir sind weitergelaufen und auf einmal waren alle weg da oben. Da war keiner mehr zu sehen. Dann sind wir weitergelaufen und auf einmal ging es rein, da stand die tschechische Polizei oder Stasi. Wir sind einfach an denen vorbeigelaufen und auf einmal haben wir den Zaun gesehen. Da[neben] lag so eine Riesenkabeltrommel und ich habe unserem Sohn, jetzt kommen wir wieder auf den Punkt, gesagt: So Hannes, jetzt sind wir am Hotel. Wir müssen jetzt nur noch über den Zaun klettern. Und dann hat er gesagt: Mama, das ist doch das Flüchtlingslager aus dem Fernsehen! Also das weiß ich noch, das wusste er dann schon. Sage, komm, jetzt gehen wir hier rüber und ich war die erste, die drüber war, ich wurde von innen wie eine Teppichrolle drüber gehievt. Und dann Hannes und dann glaube ich mein Mann. Du konntest nicht mehr viel überlegen. Es hat uns keiner gehindert. Das war zu dem damaligen Zeitpunkt nicht. Bei uns waren vielleicht fünfzig Mann drin, das waren alle die, die nicht in die DDR zurück konnten. Die in Ungarn aufgegriffen wurden, die [einen] Stempel [in den Pass] reingekriegt haben. Also die wie markiert waren. Und wenn die in die DDR gegangen wären, wären sie eingesperrt [worden]. Und die sind in Prag untergekommen. So fing es eigentlich an. Das waren die ersten, die in der Botschaft waren.

[Zu der Situation nach der Ausreise aus Prag]

Ich weiß das noch, als wir in der Bundeswehrkaserne angereist sind, die haben sich so um uns gekümmert, ich wurde sofort zum Frauenarzt gefahren. Ohne, dass ich etwas gesagt habe, haben die einfach einen Termin gemacht, ich wurde untersucht, dann wurden wir gefragt, wo wir hin wollen und da haben wir gedacht, gehen wir ins Schwabenland. In die Nähe nach Schorndorf, da war der Großonkel. Und dieses Übergangswohnheim war voll und wir sind dann in einen jugoslawischen Gasthof gekommen. Wir haben dort unser Essen gekriegt, immer Leberkäse. Mir hing der Leberkäse und der Fleischkäse dann zum Hals raus. Da hatten wir ein Zimmer zu dritt. Ein Doppelbett, es war dann schon blöd mit dem Hannes zu dritt auf so einem Doppelbett, ich hatte noch einen Bauch, die Dusche war im Zimmer. Und sind dann wir zum Arbeitsamt und haben alle Wege erst einmal zu Fuß gemacht. War schon beschwerlich. Dann bist du immer zum Aldi oder Lidl, hast geguckt, wo ist es drei Cent billiger. Dann hast du Kleidergeld gekriegt. In die Kleiderkammer wurden wir geführt, das haben sie nach dem ersten Arbeitslosengeld wieder abgezogen. Wir wurden als pflegerische Hilfskraft eingestuft. Es war nicht viel Geld, weil wir keine Papiere hatten. Die haben gesagt, es kann ja jeder erzählen, [Arzt zu sein], es hat dir keiner geglaubt. Die Papiere kamen irgendwann und es ging dann relativ schnell.

Und dann bin ich zum Gynäkologen nach Schorndorf gegangen und der war auch mal abgehauen, der war auch aus dem Osten, Berliner. Und der fand mich ganz nett und hat noch meinen Mann kennengelernt und die haben uns zum 40. Geburtstag seiner Frau eingeladen. Und da waren paar Zahnärzte. Und die haben dann erzählt, in Worms ist eine Praxis frei, in Neckarsulm, also paar Praxen und dann hat sich mein Mann sofort beworben. Und am Anfang hat er in Backnang, das ist ja gleich neben Schorndorf, noch ein halbes Jahr als Assistenzarzt mitgearbeitet, um die Kassenzulassung zu erhalten. Und dann hat sich das mit Worms ergeben, er ist relativ schnell da hin. Wir waren dann noch lange getrennt. Der hatte ein ganz kleines Büro in der Praxis, da war so eine Klappcouch, da hat er fast auf dem Boden geschlafen. Der hat in der Praxis geschlafen die Woche über und am Wochenende ist er zu uns runtergekommen nach Schorndorf. Das war dann nur eine Wochenendbeziehung und schon schlimm. Wir haben alle in einem Zimmer geschlafen. Und die Anne war ein Schreikind, also ich sage immer, die hat einen Fluchtschaden gehabt. Sie hat Tag und Nacht verwechselt, es war furchtbar. Das war wirklich schlimm. Und mein Mann wollte sich am Wochenende ausruhen, der war ja auch fertig von der Woche.

Und dann haben wir recht schnell eine Wohnung gekriegt und zwar, weil ein ganz weit entfernter Verwandter vom Schwiegervater uns angeboten hat, dass wir bei denen in eine Dachgeschosswohnung einziehen. Es war ein kleines Bad, ein Schlafzimmer, ganz kleines Wohnzimmer und Küche. Und es war ganz nett. Und was ich nicht gemacht habe, war den Hannes in die Schule zu schicken, weil wir kein Geld hatten am Anfang. Ich hätte keine Schulbücher, ich hätte keinen Ranzen kaufen können. Und dann habe ich den einfach zuhause gelassen. Und als wir dann in Miedelsbach waren, wo wir dann die Wohnung hatten, dann ging es los. Dann hat uns jemand den Ranzen besorgt und die Schule die Bücher und dann hat er angefangen. Im März ’90 sind wir nach Worms.

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