Bremer Bündnis für deutsch-tschechische Zusammenarbeit

Zeitzeug:innen - zu den Einzelseiten

Jens Hase

Foto: Manja Herrmann

Jens Hase wurde 1970 in Eisenach geboren und floh 1989 aus der DDR um seinen Eltern nachzufolgen, die aufgrund eines bewilligten Ausreiseantrags bereits in die Bundesrepublik Deutschland ausgereist waren. Als 19-Jähriger zurückgeblieben, versuchten Angehörige der Staatssicherheit Druck auf ihn auszuüben, um ihn zur Mitarbeit als Inoffizieller Mitarbeiter zu bewegen. Nach seiner Verweigerung erfuhr er Repressalien in der Arbeit, zugleich wurde seine Wohnung heimlich verwanzt. Als er die Übertragung der Botschaftsbesetzung in Prag im Westfernsehen sah, entschloss er sich noch in derselben Nacht zur Flucht. In der Botschaft half er anderen Geflüchteten, über den Zaun in die Botschaft zu gelangen. Er lebt heute mit seiner Frau im bayerischen Günzburg und tritt regelmäßig als Zeitzeuge in Schulen auf.

Wie kam es zu der Motivation, die DDR verlassen zu wollen?

Ja ich meine, das ist wie viele Lebensläufe oder Biographien waren. Am Anfang [eine] glückliche Kindheit in der DDR gehabt, bis mir dann Steine in den Weg gelegt worden sind, als es um weiterführende Schulen ging. Und als dann Ende der ’80er meine Eltern schwer erkrankt sind und die Ärzte oder unser Hausarzt gemeint hat, mein Vater hat in der DDR relativ geringe Überlebenschancen, haben wir dann einen Ausreiseantrag gestellt, der aber nur meinen Eltern genehmigt wurde. Die dann binnen kürzester Zeit fast schon rausgeworfen [wurden] aus der DDR und ich musste alleine zurückbleiben mit 19. Keine Ahnung vom Leben gehabt, Angst gehabt vor dem Leben, Angst vor dem Alleinsein. Und habe dann die ersten Fluchtgedanken gehabt über Ungarn, aber da wurde mir das Visum nicht genehmigt. Und dann kam eben Prag. Habe immer heimlich Westfernsehen geguckt und habe dann die Bilder aus Prag gesehen und das war dann die schnelle Entscheidung zu fliehen.

Wie sind Sie letztendlich [in der Botschaft] angekommen?

Also ich hatte mir verschiedene Pläne gemacht in Prag. Ich habe dann einen Zeitungskiosk gesehen und habe mir Filzstifte gekauft und mir die bundesdeutsche Flagge in die Handfläche gemalt. Der Plan in meinem Kopf war: Prag ist eine Touristenstadt und wenn ich irgendwo Leute deutsch reden höre mit einem Akzent, den ich nicht kenne, wo ich mir denke, das könnte Bayern sein oder sonst was, dass ich denen heimlich diese Fahne in meiner Hand zeige. Und die dann wissen, was ich will und mir helfen. Ich habe aber niemanden getroffen, der deutsch spricht und es war auch schon wieder spät am Abend. Und dann kam die Entscheidung, ich gehe zurück zum Hauptbahnhof und fahre nach Hause. Ich habe ganz oft immer wieder geschwankt zwischen Bleiben und Gehen. 

Und auf dem Weg zum Hauptbahnhof kommt man am Wenzelplatz vorbei und da stand ein einsames Taxi. Ich weiß es noch heute, so ein alter Wolga war das und ich war durchgefroren, übermüdet und bin in dieses Auto eingestiegen. Ich weiß noch den Moment, weil es war einfach warm in dem [Taxi]. Es war endlich wieder etwas Warmes um mich herum und ich konnte weich sitzen. Und dann habe ich dem Taxifahrer die deutsche Fahne gezeigt, die ich in der Hand hatte und dann ist der komplett ausgetickt. Der hat mich angebrüllt, ich soll aussteigen und ich wollte aber nicht mehr raus. Jetzt war ich einmal da drin und [hatte] die Hoffnung und ich habe immer wieder ‚bitte, bitte‘ gesagt und habe angefangen zu weinen. Ich war fertig mit den Nerven und der hat gesagt, er kann das nicht machen. Das ist für ihn ein Risiko, wenn er mich da hinfährt. Und dann habe ich meinen Geldbeutel rausgeholt, habe ihm alles, was ich an Bargeld hatte, auf das Armaturenbrett gepackt, meine Uhr runter, meine Kette, war ja alles wertlos eigentlich. Aber ich habe ihm alles auf das Armaturenbrett [gelegt] und habe immer wieder ‚bitte, bitte‘ [gesagt] und dann ist er eingeknickt und hat gesagt okay, er kann mich nicht bis vor die Tür fahren, aber in die Gegend zumindest. Ich war so erleichtert und als wir dann über die Moldau gefahren sind, dachte ich mein Gott, auf die Idee wäre ich gar nicht gekommen, auf die andere Seite [zu gehen]. Ich habe immer im Stadtkern gesucht und dann fielen mir noch, je näher wir kamen, immer mehr Wartburgs und Trabis mit DDR-Kennzeichen auf. Dann habe ich mich über mich selber geärgert, dass ich auf so etwas nicht geachtet habe. Dass ich nicht mal auf die Idee kam, dass man irgendwo Zeichen sieht. 

Ja und dann hat er mich rausgelassen und dann kam auch so eine nette Szene. Er hat mich ja nur in die Gegend gefahren, wie wir es vereinbart hatten und hat mir dann den Weg erklärt, links, rechts, geradeaus, schon wieder vergessen und ich bin gelaufen, finde ich schon. Habe es natürlich nicht gefunden, war schon wieder hinter der Prag Burg. Das war so eine kalte Nacht mit Nieselregen, der Asphalt war patschenass und die parkenden Autos und die Laternen haben geflackert, also wie in einem Film. Wie so eine Filmkulisse war das und auf der anderen Straßenseite habe ich drei Typen laufen sehen, aber ich habe nur die Silhouetten gesehen. Es war ja fast dunkel und habe herübergerufen: Deutsch? Ja. Wo willst du denn hin? Ich habe denen aber nicht vertraut, deshalb [fragte ich]: Wo wollt ihr denn hin? Ne, sag erst du, ne, sagt das ihr und das ging drei, vier Mal immer wieder rum. Und ich hatte schon Angst, das könnten Stasi-Leute sein, die Leute wegfangen. Aber ich war so fertig mit den Nerven, ich habe [mir] gesagt die Gelegenheit ist günstig, sage: Ja, ich will in die Botschaft. Ja wir suchen [sie] auch. Und dann habe ich mich denen angeschlossen. 

Und dann war ich nicht mehr allein. Obwohl ich permanent Misstrauen hatte, ich wusste nicht, wo die mich hinbringen. Es hätte ja auch sein können, [dass] die mich in die nächste Polizeidienststelle bringen. Und da war ein älterer Mann dabei, der hatte ein steifes Bein, das waren zwei junge Typen in meinem Alter und ein Älterer, was die für ein Verhältnis untereinander hatten, weiß ich nicht. Und der war sehr langsam. Und das hat mich wieder belastet. Ich wollte vorankommen und das eingebremst werden so kurz vor dem Ziel war für mich schlimm. Und wir haben immer wieder Pause machen müssen und das war auch einer der lustigen Momente: Wir saßen an so einem Tor, angelehnt mit dem Rücken auf Kopfsteinpflaster und einer von den jungen Typen ist stehen geblieben. Wir haben uns leise unterhalten und der guckt oben in der Weltgeschichte herum und dann sagt der: Ich glaube, ich spinne. Und dann gucke ich hoch und es ist genau über mir das Schild ‘Botschaft der Bundesrepublik Deutschland’. 

Wir saßen genau vor dieser Tür und ich weiß noch ich bin aufgesprungen und war erstmal irritiert, weil im Fernsehen war ein Zaun, war ein Wald [zu sehen]. Und da war weder ein Wald, noch ein Zaun. Und ich bin dann losgerannt, instinktiv bergauf und gegenüber war eine Polizeistation. Heute ist es glaube ich ein italienisches Kulturgebäude. Das wusste ich aber nicht und als ich losgelaufen bin – der Ältere hat gesagt, mal langsam, wir dürfen nicht auffallen – sind bei mir alle Sicherungen durchgebrannt. Und dann ging die Tür auf und [es] kamen bewaffnete tschechische Soldaten, Uniformierte heraus und haben Stopp gerufen. Und ich bin dann losgerannt. Ich habe solche Angst gehabt, so kurz vor dem Ziel und ich habe die anderen drei auch gar nicht mehr wahrgenommen. Ich war wie in Trance, bin gerannt um mein Leben, habe die ganze Zeit damit gerechnet, dass die auch schießen könnten. Habe mir auch noch Gedanken gemacht, ob das weh tut, wenn mich so eine Kugel trifft. Und dann bin ich nach links abgebogen und das war auch genau der Weg zu diesem Botschaftszaun.

Gab es im Botschaftsgarten Ängste, dass dort Stasi-Angehörige herumlaufen? Gab es entsprechende Begegnungen, wurde über die Gefahr gesprochen?

Also Misstrauen war jeder gegen jeden. Das hat man immer gemerkt. Zwei Sachen habe ich erlebt, wo ich mir definitiv sicher bin, dass das Stasi war. Wir waren immer am Zaun, da war ja immer Fernsehen da und ich wollte an die Kameras heran in der Hoffnung, dass meine Eltern im Westen vielleicht sehen, dass ich da bin und dass es mir gut geht. Das war der Plan dahinter. Ich habe dann am Zaun gestanden, in die Kameras geguckt und dann haben die ganzen anderen Flüchtlinge sich auf einmal weggedreht und das Gesicht zugehalten. Und ich wusste gar nicht warum, wieso. [Frage]: Was ist denn los? Dann sagt der eine zu mir, guck mal. Draußen stand ein Fotograf und der hatte ganz markante DDR-Klamotten an und eine Praktika, so eine typische DDR-Kamera. Und dann haben die den alle für einen Stasi-Mann gehalten. Der hat das aber gar nicht mitgekriegt und irgendeiner hat ihn dann hergerufen. Sagt: Hey du, ich brauche dich mal eben, kannst du mal herkommen? Und dann kam er an den Zaun heran und dann haben fünf, sechs Arme den durch den Zaun gepackt. Ich habe noch nie gesehen, wie man einen Menschen durch den Zaun verprügelt, der kam da gar nicht mehr raus. Den haben die richtig verprügelt durch den Zaun. 

Und die zweite Situation war in dem Zelt weiter unten, da habe ich einmal tumultartige Szenen mitgekriegt. Ich habe es nicht selbst gehört, aber habe es mitbekommen, weil es immer mehr Leute drumherum wurden und die Security kam und einen verletzten Mann aus dem Zelt rausgeholt hat. Und ich habe dann gefragt, was los war. Und es war wohl so, da hat einer den als seinen Verhörer erkannt und darauf beharrt und der hat es wohl dementiert, hat gesagt: Nein, das bin ich nicht, du verwechselst mich. Und dann muss es sich hochgeschaukelt haben und irgendeiner muss gesagt haben: Den schlagen wir jetzt tot, den vergraben wir, den findet sowieso keiner mehr. Und dann ist die Meute auf den drauf. Ich glaube, die hätten den da totgeschlagen. Der Botschafter und [die] Security sind dazwischen, die haben den da verletzt rausgeholt, Krankenhaus war ja gleich gegenüber. Also das waren zwei Situationen. Aber wenn ich ehrlich bin, ich war 19, ich habe auch einen Hass auf die Leute gehabt, mir ging da alles durch den Kopf.  Die Trennung von meinen Eltern und, und, und. Deswegen war mir das wurscht, was die mit dem machen, weil ich gedacht habe, die haben das nicht anders verdient. Also der Hass gegenüber diesen Menschen war schon groß. 

Besonders spannend wäre es zu wissen, wie die Situation nach Genscher Ankündigung war, als klar wurde, jetzt kommen alle raus. Gab es Jubel und ging es direkt in die Busse oder gab es noch paar Stunden dazwischen? Und wenn ja, was macht man dann in dieser sehr euphorischen Stimmung?

Als er gesagt hat, die Züge fahren im Zwei-Stunden-Takt und über das Gebiet der DDR, da war die Stimmung sofort im Keller, für mich auch. Ich habe gesagt nein, dann bleibe ich hier. Thema schon wieder durch. Also vom Jubel im Prinzip, vom high-life wieder ganz runter. Und das hat er gemerkt und gesagt, dass er mal selbst den Weg gegangen ist aus Halle weg und dass er weiß, wie uns zumute ist. Und er hat auch gesagt, er verbürgt sich dafür, dass uns nichts passiert und in jedem Zug fahren Leute aus seinem Büro mit. Das hat uns dann beruhigt, aber die Angst war da. Und als wir zu diesen Bussen gegangen sind und das meine ich mit nicht nur deutscher, sondern auch europäischer Geschichte: Als wir raus sind zu diesen Bussen, die standen ja weiter unten, war etwas, was ich bis heute nie vergessen habe. Da standen tausende von Tschechen links und rechts, die eigentlich genau die gleiche Situation hatten wie wir in unserem Land. Und die standen [dort] und haben uns applaudiert. Das weiß ich noch, ich bin da runtergelaufen, mir haben sich die ganze Zeit die Haare aufgestellt und da habe ich auch schon gespürt, dass hier irgendetwas passiert. Das war eine verrückte Szene. 

Gab es einen Wechsel in der Solidarität, nachdem die Grenzen offen waren?

Ganz klares Ja. Der 9. November war der Wechsel in der Solidarität. Als die Mauer gefallen ist, habe ich gejubelt, habe ich gefeiert, ich fand das so toll, ich habe es nie für möglich gehalten. Und Tage danach oder Wochen danach ging es dann schon los. Als die ersten Ostdeutsche kamen, und da kamen nicht nur die, die arbeiten wollten, muss man ganz ehrlich sagen, es kamen natürlich auch viele, die gedacht haben, ich mache mich jetzt hier breit und die gebratenen Gockel kommen. Für manche habe ich mich auch tatsächlich geschämt. In der Firma, wo ich untergekommen bin, war ich der erste Ostdeutsche und dann kamen auf einmal ganz viele. Und ich weiß am Anfang hat mein Chef gesagt, für jeden Ostdeutschen, DDR-ler hat man hier gesagt, für jeden DDR-ler, den du bringst, kriegst du 50 Mark Prämie. Habe ich aber nie gemacht, weil mir das Risiko zu groß war, dass ich jemanden mitbringe, den man mir dann vorwirft. Und dann waren wirklich viele dabei, die sind negativ aufgefallen. Dann habe ich sofort gemerkt, dass die Leute, die mir Wochen vorher noch auf die Schultern geklopft haben und gesagt haben toll, was du gemacht hast, das waren die, die dann gesagt haben: Du blöder Ossi, bist doch eh bloß wegen des Geldes hier. Hat mich verletzt damals, muss ich wirklich sagen. 

Da ging meine Zeitzeugenarbeit eigentlich schon los. In Kirchheim, das ist nicht weit von mir, war ich am Abend in einer Dorfkneipe. Der erste, den ich hier kennengelernt habe, war ein Italiener. Das war der erste Freund, den ich hatte. Und mit dem war ich in dieser Gaststätte. Und da saßen drei Urbayern am Tisch, werde ich nie vergessen, mit ihren Mützen und ihren Gammsbärten oben drauf am Stammtisch. Und dann höre ich: Blöde Ossis, kein Cent kriegen die von mir, keinen Pfennig, Pfennigen war es ja noch, kriegen die von mir. Und das hat mich eigentlich gar nicht mehr betroffen und trotzdem hat es mich geärgert. Und dann habe ich mein Bierchen genommen, mein Kumpel wollte mich noch festhalten, sagt, das macht man bei uns nicht, ich sage ist mir wurscht, habe mich hingesetzt und dann habe ich denen meine Geschichte erzählt. Und habe gesagt: Wisst ihr, vor paar Wochen noch habt ihr gesagt, unsere Brüder und Schwestern der DDR. Vielleicht braucht man solidarisch ein bisschen Hilfe, bisschen Geld und sofort ist bei euch die Stimmung weg. Da gingen die drei alten Herren, die habe ich danach öfters gesehen. Ich weiß nicht, ob die jetzt noch leben, aber die haben mich immer gegrüßt, wenn ich durch Kirchheim gefahren bin. Die haben mich wahrscheinlich nicht vergessen. Das waren die ersten drei, die ich umgepolt habe, glaube ich. Und das war der Grund, warum ich gesagt habe, jetzt rede ich mit jedem. Und jeder, der mich blöd anmacht aufgrund meiner Herkunft, mit dem gehe ich ins Gespräch. Und das habe ich auch gemacht.

Gab es vor der Flucht oder nach der Flucht im Bekannten- und Familienkreis Debatten, ob diese Fluchtbewegung in der DDR der richtige Weg war oder ob doch alle zum Neuen Forum hätten gehen sollen? Gab es eine moralische Diskussion über das Thema?

Nein, habe ich hier nicht mitgekriegt. Viele sagen, wir haben deutsche Geschichte geschrieben mit unserer Flucht aus Prag. Aber ich bin nicht nach Prag gefahren, weil ich Geschichte schreiben wollte, ich wollte zu meinen Eltern. Ich habe nie darüber nachgedacht, dass wir Geschichte schreiben. Das haben wir dann unbewusst gemacht und deswegen werde ich auch heute manchmal zu Veranstaltungen eingeladen, wo ich dann aber wieder Leute erlebe, die sagen: Du bist doch auch einer, der abgehauen ist, du hast ja nicht einmal gekämpft für die Sache in der DDR. Da fühle ich mich manchmal schon auch etwas schlecht. Das muss ich sagen. Aber es konnte ja keiner wissen. Und heute bedauere ich [das] natürlich, ich hätte schon auch gern die Umbruchzeit in der DDR miterlebt. Wie es da war, das muss auch spannend gewesen sein. Aber ich habe es halt aus dem Westen verfolgt. Aber heute fühle ich mich manchmal schlecht, weil ich oft von Leuten richtig angegriffen werde, gerade in den sozialen Netzwerken ganz schlimm. Ich habe auch schon Morddrohungen gekriegt, wenn ich nicht aufhöre, über die DDR so schlecht zu reden… Ich sage es aber auch immer wieder an Schulen, ich sage es Schülern: Die Geschichte, die ihr hört, ist meine persönliche Geschichte. Nicht jeder hat die DDR als schlecht empfunden, das ist klar. Aber das Bild, ob es ein Rechtstaat war oder nicht, könnt ihr euch nach meiner Geschichte machen.

Sie haben gesagt, dass Sie regelmäßig nach Prag fahren und dass es ein sehr positiver Ort [für Sie] ist. Wann waren Sie nach der Flucht das erste Mal wieder in Prag und in der Botschaft?

29. September 2014. Also ein Tag vor dem 25-jährigen Jubiläum. Ich bin nie wieder hingefahren, weil ich nicht darüber nachgedacht habe, dass der Ort mir etwas bedeuten könnte. [Ich] bin dann hingefahren und dachte: Ja gut, ich gehe da hin, gehe da mal rein, gucke mir das an. Und das Tor ging auf, ich bin reingelaufen und habe keine Luft mehr gekriegt. Das hätte ich nicht gedacht, dass mir das so schwer fällt. Mir sind die Tränen gelaufen, weil in dem Moment, wo das Tor aufging und ich diese Pflastersteine gesehen habe, das war wie ein Puzzle Spiel, wo ein paar Teile gefehlt haben, wo auf einmal die Teile da waren in meinem Kopf. Dann habe ich wieder die Leute laufen sehen und ich wusste sofort, obwohl ich 25 Jahre nicht dort war, wo meine Treppenstufe war. Ich bin da reingekommen, bin rechts abgebogen, durch das Treppenhaus hoch und da war meine Treppe. Das war auf einmal wieder da. Und da habe ich gemerkt, dass das heute noch ein wichtiger Ort für mich. Und wenn ich dahin komme, fühle ich mich immer wieder wohl. Immer wieder, wenn ich auf diesen Genscher-Balkon komme, so heißt er mittlerweile, laufen mir die Tränen. Weil ich immer wieder diese Glückseligkeit, [so] kann man das glaube ich nennen, im Kopf habe.

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