Bremer Bündnis für deutsch-tschechische Zusammenarbeit

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DDR und BRD

Diese Ausstellung beschäftigt sich nicht nur mit den Perspektiven der Geflüchteten, sondern nimmt auch die Erlebnisse der Menschen in den Blick, die auf Seiten der Bundesrepublik wie auch der DDR politisch in diese Ereignisse involviert waren. Gregor Gysi verhandelte in der bundesdeutschen Botschaft in Prag im Sommer und Herbst 1989 als Rechtsanwalt gemeinsam mit seinem Kollegen Wolfgang Vogel eine mögliche Rückkehr der Geflüchteten in die DDR. Dieses Angebot nahm ein Teil der DDR-Bürger:innen im Gegenzug für eine Ausreise innerhalb der nächsten sechs Monaten auch an. Der damalige Kanzleramtsminister Rudolf Seiters verhandelte an der Seite des Bundesaußenministers Hans-Dietrich Genscher die Ausreise der DDR-Bürger:innen mit. 

Knapp 32 Jahre später blicken diese Politiker auf die Geschehnisse um die Besetzung der Prager Botschaft zurück.

Gregor Gysi auf einer Demonstration, 1989.
Bild: Bundesarchiv, Bild 183-1989-1104-042 / Link, Hubert / CC-BY-SA 3.0

Gregor Gysi

Gregor Gysi wurde 1948 in Berlin geboren. Der bis heute tätige Politiker war einer der wenigen freien Anwälte in der DDR, der als solcher auch Oppositionelle vertrat. Er war maßgeblich an den Reformen der SED/PDS beteiligt und gilt als eine zentrale Figur des ostdeutschen Herbstes 1989 in der DDR. Im Rahmen des Ausreisegeschehens begleitete Gysi den Rechtsanwalt Wolfgang Vogel auf seiner Mission in die Prager Botschaft, um die dort versammelten Zufluchtsuchenden zu einer Rückkehr in die DDR zu bewegen. 

Wie stehen Sie zu der „Republikflucht“, also den Fluchtbewegungen aus der DDR, im Allgemeinen und im Herbst 1989 im Speziellen?

Ich habe zahlreiche Menschen vertreten, die Ausreiseanträge gestellt hatten, weil sie von der DDR in die Bundesrepublik Deutschland ausreisen wollten. Das hing auch damit zusammen, dass ihnen das Reisen in den Westen in aller Regel nicht erlaubt wurde, so dass sie nur Fernsehbilder vom Westen hatten. Insofern konnte ich sehr gut verstehen, dass sie in die Bundesrepublik ausreisen wollten.

Wie haben Sie reagiert, als Sie von den Fluchtbewegungen zur Prager Botschaft erfahren haben?

Bei der Besetzung der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Prag habe ich nicht verstanden, weshalb nicht schon zu Beginn den Betroffenen die Ausreise genehmigt wurde. So füllte sich die Botschaft immer weiter an und es wurde zu einem internationalen Ereignis.

Wieso haben Sie sich gemeinsam mit Wolfgang Vogel dazu bereit erklärt, die Zufluchtsuchenden zu einer Rückkehr zu bewegen? Welcher Auftrag der DDR-Führung stand hinter dieser Aktion?

Der Minister der Justiz bestellte mich und anwesend war auch Rechtsanwalt Wolfgang Vogel. Vogel sagte, dass er die Genehmigung hätte, dass alle DDR-Bürger in der Botschaft zurückkehren könnten, um anschließend die Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland genehmigt zu bekommen. Maximal würde es sechs Monate bis zur Ausreise dauern. Er erklärte sogar, dass das auch für einen Offizier der NVA gelte, der sich ebenfalls in der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Prag aufhielte. Da es aber insgesamt über 3.000 Bürgerinnen und Bürger seien, schaffe er es nicht allein, sie bei ihren Ausreiseanträgen zu unterstützen. Daraufhin bot ich an, dass in jedem Rechtsanwaltskollegium der 15 Bezirke eine Kollegin bzw. ein Kollege die Vertretung übernähme. Er fügte noch hinzu, dass immer, wenn er die Ausreise verspräche, sie auch stattgefunden habe. Das gelte auch hier.

Was haben Sie gedacht und gefühlt, als Sie den Menschen in der Botschaft begegneten? Wie war die Reaktion der Zufluchtsuchenden Ihnen gegenüber? Haben sie Vertrauen zu Ihnen gefasst? Mussten Sie sich mit Feindseligkeiten auseinandersetzen?

Die Mitarbeiter der Botschaft der Bundesrepublik hatten den Flüchtlingen gesagt, dass ein Gespräch mit Rechtsanwalt Vogel geführt werden könne. Es kamen nicht sehr viele. Denjenigen, die erschienen, wurde das Angebot unterbreitet. Sie fuhren dann auch in die DDR, wurden vertreten und ihre Ausreise wurde auch genehmigt. Dass es so wenige waren, lag auch daran, dass ein Zeitraum von sechs Monaten viel zu lang war. Hätte man es auf sechs Wochen verkürzt, hätten vielleicht mehr von dem Angebot Gebrauch gemacht. Diejenigen, die gekommen waren, hatten auch Vertrauen, die anderen zeigten ja schon ein gewisses Misstrauen dadurch, dass sie nicht erschienen. Feindseligkeiten gegenüber Wolfgang Vogel und mir gegenüber habe ich dort nicht erlebt.

Haben diese Ereignisse Ihr Verhältnis zur DDR beeinflusst? Wie bewerten Sie den verzweifelten Akt dieser Menschen, aus der DDR über Prag in die BRD auszureisen?

Mir wurde klar, dass die DDR große Teile der jungen Generation verloren hat. Ich hatte schon gesagt, dass viele lieber in dem anderen Deutschland leben wollten. Dazu müssen sie gar nicht verzweifelt gewesen sein, sie waren jung und fühlten sich viel zu sehr beengt in der DDR.

Rudolf Seiters, erster von links, bei einem Jubiläum in der Botschaft.
Bild: Privat/Hans-Joachim Weber

Rudolf Seiters

Rudolf Seiters wurde 1937 in Osnabrück geboren. Von 1989 bis 1991 war er Kanzleramtsminister im Kabinett Kohl. In dieser Funktion war er neben dem damaligen Außenminister Hans-Dietrich Genscher maßgeblich an der Lösung der Krise in der Prager Botschaft beteiligt.

Wie haben Sie damals in der Bundesregierung die Ereignisse bewertet?

Nach dem Grundlagenvertrag war das Kanzleramt Verhandlungspartner der DDR. Daher war ich am 4. Juli auf „Antrittsbesuch“ bei Honecker. Am 8. August musste ich die Ständige Vertretung in Ostberlin wegen Überfüllung (117 Flüchtlinge) schließen. Zwei Tage später Verhandlungen mit Vertretern des Politbüros in Ostberlin (ergebnislos). Schließung der Deutschen Botschaften in Prag, Warschau und Budapest (AA). Ständige Verhandlungen mit dem Ständigen Vertreter der DDR Neubauer in Bonn, mit RA Vogel, Schalck-Golodkowski u. a. Hilfreich war der 11. September (Ungarn öffnet die Grenzen zu Österreich). Hilfreich war die katastrophale Wirtschaftslage der DDR. Ich konnte finanzielle Hilfen zusagen, aber ohne die Lösung der Flüchtlingslage werde es sie nicht geben (Gespräche mit Schalck-Golodkowski).

Außerdem standen die Feierlichkeiten 40 Jahre DDR bevor, Anfang Oktober, Gorbatschow hatte sich angemeldet. Die DDR konnte nicht wollen, dass diese Tage überschattet würden von den emotionalen Bildern aus Prag. Ich war daher fest überzeugt, dass die DDR vor diesem Termin nachgeben werde. So bat Neubauer am 29. September dringend um ein Gespräch, das dann in meinem Büro im Kanzleramt in Anwesenheit von Außenminister Genscher stattfand. Anschließend Flug mit Genscher nach Prag. Dort wurde der erste Stein aus der Mauer gebrochen. Aber erst in Dresden (19. Dezember) waren wir überzeugt: Die Einheit kommt.

Was war die politische Leitlinie der Bundesrepublik, die Situation in der Botschaft betreffend?

Es gab Einigkeit, die Ausreisefreiheit durchzusetzen und den Flüchtlingen bei ihrem neuen Leben in der Bundesrepublik nachdrücklich zu helfen. Ein Exodus sollte verhindert werden. Daher (im Februar 90) das Angebot: Die DM kommt.

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