Bremer Bündnis für deutsch-tschechische Zusammenarbeit

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Matthias Heitsch

Foto: Manja Herrmann

Matthias Heitsch wurde 1950 in Dresden geboren, wo er bis 1989 auch lebte und im Forschungszentrum Rossendorf arbeitete. Bereits einige Jahre vorher beantragte er gemeinsam mit seiner Frau Katrin mehrere Ausreiseanträge, die nicht bewilligt wurden. Als es hieß, dass Ungarn im Sommer 1989 die Grenzen öffnete, reisten sie an die ungarische Grenze. Als die Ausreise jedoch aufgrund der geschlossenen Grenze misslang, war das Ehepaar gezwungen, die Flucht über die bundesdeutsche Botschaft in Prag zu versuchen. In der Prager Botschaft engagierte sich Matthias Heitsch, um die Stimmung der immer zahlreicheren Schutzsuchenden zu verbessern. Seit ihrer Ausreise im November 1989 leben Matthias und Katrin Heitsch in Bergisch-Gladbach bei Köln. Nach der Flucht war Matthias als nuklearer Sicherheitsexperte in Köln in einer Firma beschäftigt, die beratend für das Umweltministerium tätig ist. Heute ist er im Ruhestand.

Matthias und Katrin Heitsch wollen zum Ruhestand nach Dresden zurückkehren.

Aus welchen Gründen haben Sie sich dazu entschlossen, die DDR zu verlassen?

Also das war keine spontane Aktion, wie es dann auch bei einigen [der Fall war]. Was man so im Fernsehen sah, die sich dann kurzentschlossen 1989, im September oder Oktober [zu den Geflüchteten] eingereiht haben. Bei uns war das schon eine längere Sache. Es war einfach Unzufriedenheit mit den politischen Verhältnissen, die Begrenzung der Möglichkeiten, was [die] Arbeitskarriere und so weiter anbetraf und in gewisser Weise auch, sagen wir mal, Entdeckertum. Dass man eigentlich mehr wollte, als in so einem kleinen Ländchen [wie der DDR eingeengt zu sein], denn viel blieb dann ja nicht. Es blieb [die] DDR, Tschechoslowakei, Ungarn noch. Und vielleicht noch Bulgarien, Rumänien. Das waren die Länder, aus denen die Welt damals bestand. Aber das war nicht der erste Punkt, der erste Punkt war [die] Unzufriedenheit mit den politischen Verhältnissen. Dadurch hat sich [die Ausreise] auch längere Zeit hingezogen.

Und gab es Kontakte oder Bekanntschaften zu Personen, die oppositionell eingestellt waren? Also in Richtung Neues Forum oder Kirche?

Ja, gab es auch. Also über die evangelische Kirche. Da hatte ich einen Kollegen, der dort ziemlich engagiert war, ich bin auch einmal mit bei den Veranstaltungen gewesen. Allerdings muss man sagen, vollzog sich das alles sehr, sehr langsam. Und dort war die Meinung auch gespalten. Sollte man nun versuchen, die DDR zu verbessern oder sollte man sie ganz abschaffen? Oder [Personen] wie wir, [die] mehr die Tendenz hatten, wir gehen weg. Also wir suchen eine Lösung für uns. Und nicht, [um] das Land auf den richtigen Weg zu bringen oder zu reformieren. Eine Entscheidung, die einen erst einmal alleine betrifft. Ja und da gab es Kollegen, die dort tätig waren. Und es gab natürlich immer wieder neue Meldungen, wie man [die Ausreise] beschleunigen kann. Das war eigentlich das Interessantere: Du musst das und das machen oder du musst noch einmal dort hinschreiben. Um die Entschlossenheit auch zu dokumentieren. Dann hat man das eine gemacht, das andere eben nicht.

Was war nach dem Entschluss, das Land zu verlassen, der erste Schritt? Wie sind Sie vorgegangen?

Der erste Schritt war, dass man einen Brief schrieb, handschriftlich. Rechner hatte man ja nicht oder irgendeinen Drucker, [also] handschriftlich einen Brief und da schrieb man völlig formlos das hinein, was man sich dachte. Also dort reingeschrieben hat: Ich will die DDR [verlassen], Antrag auf Entlassung aus der Staatsbürgerschaft auf Grundlage der Menschenrechtskonvention und so weiter. Dass man sich darauf berief und dann vielleicht noch eine Begründung. Aber da sollte man sich auch nicht zu weit vorwagen, dass [es] jetzt nun Unterdrückung oder sonst was [wäre], eher neutral. Das war der erste Schritt. Es war erst einmal ohne jede Reaktion, eine ganze Weile, vielleicht ein halbes Jahr oder ein Jahr. Dann konnte es sein, dass im Betrieb [etwas geschah], im Hintergrund lief natürlich irgendwas. Dass man im Betrieb angesprochen wurde, dort von der Kaderabteilung, wie es hieß, aus dem Personalwesen. Die einem klar machte, dass man einen Fehler gemacht hatte. Oder einen versuchten zum [Bleiben zu] überzeugen mit irgendwelchen Zugaben, einer neue Stelle oder einer neuen verantwortlichen Tätigkeit. Das war verschieden. 

In meinem Fall hat sich ziemlich lange nichts getan. Bis man dann immer wieder einen Brief schrieb. Das war eigentlich Gang und Gebe, dass man jedes Jahr oder jedes halbe Jahr einen neuen Brief schrieb. Und das untermauerte und bekräftigte. Aber zum Beispiel Anfang des Jahres ’89, da war gerade eine neue Reiseverordnung erlassen worden, die im Prinzip Verwandtenbesuche auch für Leute, die jünger waren als Rentner, bei engeren Verwandten möglich machte. Aber eine permanente Ausreise, [war] völlig unmöglich. Und in dem Zusammenhang sind wir dann auch, meine Frau, ich und mein Abteilungsleiter von Rossendorf, also vom Forschungsinstitut, zum zuständigen Stadtbezirk zu der Verwaltungsgruppe dort bestellt worden und da ist uns das erläutert worden. Da saßen noch betrieblich Vorgesetzte mit dabei und wir. Das war im Frühjahr, ich glaube Februar ’89. Das war dann auch die Bestätigung dafür, dass in diesem Jahr mehr gemacht werden muss als nur zu warten, wenn die Verordnung abgefasst wurde, hier verlässt niemand mehr permanent die DDR. Vielleicht als Besuchender mal, aber da bleibt natürlich die Familie zurück, so dass das also die Endstation sein sollte. Und dann haben wir beschlossen, dieses Jahr muss mehr passieren. Also nur weiter warten, wie das jetzt im Jahr ’88 oder ’87 [der Fall] war, das kam dann durch diese Sache nicht mehr infrage.

Und wie war in der Zeit [der Botschaftsbesetzung] das Verhältnis zum Botschaftspersonal und zu dem Botschafter?

Das war natürlich verschieden, je länger es dauerte. Es gab einige, die gerieten dann in Panik. Es gab andere, die immer von irgendwelchen Gerüchten lebten: Ja, und in Ungarn da tut sich was und hier tut sich nichts. Und wir müssen selbst etwas unternehmen. Und es gab Dritte, die es sich entwickeln ließen und eine gewisse Geduld mitbrachten. Ich bin ja viel mit dem Hans Weber zusammengekommen. Der hat mich immer mal reingewunken, da haben wir [uns] erzählt, was da so [los] war. Der hat dann auch Zeitschriften mitgegeben, dass man bisschen was zu tun hatte. Und da zeigte sich, die wussten auch nicht, was man machen könnte. Es kam auch mal die Idee [auf], wir müssten in den Hungerstreik treten. Da waren wir schon mindestens 200 [Personen]. Und dann war [die Ansage]: Ja, ihr könnt natürlich in den Hungerstreik treten. Können wir euch nicht verbieten, aber wenn jetzt jemand krank wird und ins Krankenhaus muss, der muss dann ins tschechische Krankenhaus. Und was dann passiert, wissen wir auch nicht. Damit war die Idee vom Hungerstreik auch wieder vorbei. Wir sind dann auch, weil viele überhastet in die Botschaft gekommen waren, mit einem Botschaftsfahrzeug umhergefahren in Prag und [haben] überall noch Sachen eingesammelt. Also da stand auf einem Campingplatz noch ein Zelt von denen, schnell ins Zelt rein, noch einen Pulli geholt oder paar Bücher, was die eben mit hatten. Dann wieder ins Auto am Straßenrand und weiter. Und wir sind zu unserem Auto gefahren, weil wir da ein Kofferradio drin hatten und haben das auch der Frau Jakesova erklärt, wie die Situation ist und aus dem Auto das Kofferradio geholt. Von da an konnten wir immer nachts Radio hören.

Haben Sie grundlegend dem Angebot [des Rechtsanwaltes Wolfgang Vogel] vertraut?

Wir haben [dem] vertraut, ja. Weil da auch genügend Zeugen waren. Und  meiner Einschätzung nach war die Lage zu prekär, [um] da jetzt irgendwelche Spielchen zu machen. Und Vogel war immerhin der offizielle Beauftragte der DDR-Regierung. Solche Verhandlungen, Agentenaustausche zwischen Potsdam und West-Berlin [auf der] Glienicker-Brücke, hat er ja auch geleitet. Da konnte ich mir nicht vorstellen, dass das nicht funktionieren soll. Und wir hatten auch keine kriminelle Vorgeschichte. Ich bin dann in mein Institut zurück, habe dort normal gekündigt und [bin] dann noch ein paar Tage dort gewesen. Und der Bereichsleiter, der war auch Parteigenosse, sonst wäre man das nie geworden, [sagte]: Eigentlich wollte ich ein Disziplinarverfahren einleiten, aber unser Kaderleiter hat mir gesagt, ich soll das nicht machen. Hätte ja sowieso keinen Sinn gehabt. Also hat [er] mir noch Glück gewünscht im Westen und dass ich eine Arbeitsstelle finde und dann bin ich dort erstmal weg gewesen. Dann hat man noch einen Monat andere Sachen gemacht und Sachen verpackt und so weiter. Was man eigentlich hätte gar nicht machen müssen, weil dann überschlugen sich die Ereignisse. 

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