Bremer Bündnis für deutsch-tschechische Zusammenarbeit

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Wolfram Richter

Foto: Manja Herrmann

Wolfram Richter wurde 1957 in Radebeul geboren. Er ist in Freital bei Dresden groß geworden und hat dort sein Abitur gemacht. In Dresden hat er anschließend bis 1983 Architektur studiert und bis zu seiner Ausreise als Architekt gearbeitet. Gemeinsam mit seiner schwangeren Frau Claudia und dem gemeinsamen dreijährigen Sohn wollten sie 1988 die DDR verlassen. Dem Ausreiseantrag wurde jedoch nicht stattgeben und er wurde in die sozialistische Bierproduktion strafversetzt. Am… fuhr er mit seinem Bruder Joachim in die Prager Botschaft, da er gehört hatte, die Anwälte Wolfgang Vogel und Gregor Gysi würden dort Ausreisewillige registrieren ausstellen. Wolfram Richter und sein Bruder erlebten vor Ort die Rede Genschers, wollten jedoch ihre Frauen und Kinder nicht in der DDR zurücklassen. Sie verweigerten die Ausreise und verhandelten auf eigene Faust eine Lösung, die sie zunächst in die DDR zurück führte. Im November 1989 wurde ihnen die Ausreise mit ihren Familien ermöglicht.

Die Familie Richter verschlug es nach ihrer Ausreise zunächst nach Hessen. Heute leben sie wieder in Dresden. Wolfram Richter lehrt mittlerweile als Hochschuldozent an der Hochschule Coburg.

Aus welchen Gründen hast du die DDR verlassen?

Wir sind beide Architekten, haben beide Architektur studiert an der TU in Dresden. Und etwas ist uns aufgestoßen, nämlich ein Satz in der Vorlesung über Baugeschichte, in der es hieß: Hier sehen Sie den Petersdom in Rom. Schauen Sie sich die Bilder genau im Dia an, denn hinfahren wird ja für uns nicht möglich sein. Oder für Sie nicht möglich sein. Und dort habe ich mir direkt im Anschluss nach dieser Vorlesung, das war 1979 oder ’80, gesagt: Hier ist etwas nicht gut. Entweder man wartet ab und hofft, dass sich irgendwo die Gesellschaft verändert oder ich muss eben selbst etwas in die Hand nehmen. Und das ist dann für mich auch zum Grundsatz geworden, all die Dinge, die mir nicht passen, selbst in Angriff zu nehmen, selbst aufzustehen. Und das ist dann auch bei allen Überlegungen und Zweifeln, die man dann hatte, ein Grundsatz geworden. Dass wir es uns ewig vorwerfen werden, wenn wir es nicht einmal versucht haben. Dieses ‚erst einmal versuchen‘ wenigstens und wenn du x-mal abgelehnt wirst, dann muss man es eben immer wieder versuchen. Und dann gab es natürlich für uns, für unseren Berufsbereich Architektur, oft eben Situationen, dass wir Einschränkungen [hatten], wir dort in der Umsetzung unserer Pläne, unserer Vorstellungen, unserer Entwürfe [eingeschränkt waren]. Diese Unmöglichkeit [der Entfaltung], weil kein Material da war oder nicht das Material, was wir hätten verwenden können. Es gab ein Stahl- und Holzanwendungsverbot für gestalterische Zwecke. Und das waren für uns Einschränkungen, bei denen wir uns gesagt haben: Entweder ich füge mich dieser Sache oder ich muss jetzt wirklich etwas verändern. […] Budapest war der Westen des Ostens. Und dort hat man dann die Möglichkeiten gehabt, in Einrichtungs- oder Architekturzeitschriften Dinge zu finden, die anders waren. Die unseren Träumen, unseren Wünschen entsprachen, aber in der DDR nicht möglich waren umzusetzen.

Und dann reift das Ganze. […] Das ist ein Reifeprozess gewesen, der das Fass irgendwann zum Überlaufen bringt. […] Wir haben gemerkt, dass es hier nicht menschlich zugeht, das es hier nur nach politischen Gründen zugeht und wer nicht in dieses Regime reinpasst, der hat abgegessen. Das habe ich dann auch gemerkt, als ich bei TU-Projekt, [so] nannte sich diese Firma damals, gearbeitet habe als Projektingenieur. Ich war Projektverantwortlicher für die Planung zweier Hörsaal Neubauten der Zittauer Hochschule. Zu dem Zeitpunkt, [als wir] den Ausreiseantrag gestellt [hatten], wurde ich am nächsten Tag zum Direktor berufen und wurde meines Amtes enthoben. Und dann wurde gesagt, Sie gehen bitte, es war ein Freitag, Sie gehen bitte ab Montag in die sozialistische Bierproduktion hier in einer der Dresdner Brauereien arbeiten. Das waren die Reaktionen, die der Staat oder diese Gesellschaft dann auf Lager hatten und damit war uns klar, wir haben abgegessen. Wir hatten die Hosen heruntergelassen und uns zu erkennen gegeben und damit hatten wir gesellschaftlich null Chancen mehr.

[Zu den Repressalien der Stasi]

Wir sind in den Urlaub gefahren, hatten aber auch gleichzeitig gehört, dass Wohnungen durchsucht werden, während die Leute für längere Zeit unterwegs waren. Also habe ich mir eine Art Sicherheit einfallen lassen, um zu prüfen, [ob] jemand in unserer Wohnung war oder nicht. [Bei dem] Gedanken, dass jemand in deine Wohnung einbricht, um dann im Grunde Nachweise zu finden, um [sie] dir bei deiner Verhaftung darzulegen, war uns klar, wir müssen selbst aktiv werden, sonst holen sie uns wirklich noch von der Bühne. Weil das so viele Aktionen waren. Ich wusste, das muss man sich mal vorstellen, mein Telefon wurde abgehört. Ich war an der TU angestellt, spreche mit einer Freundin am Telefon und plötzlich macht es chrt-chrt-chrt und da sagt eine Stimme: Bitte verlassen Sie dieses Gespräch, es ist ein Diensttelefon der TU Dresden. Ich sage: Hallo, geht’s noch? Hallo, Elke, bist du das? Hast du dir jetzt einen Scherz erlaubt? Verlassen Sie dieses Gespräch! Und damit war mir klar, hier hört jemand mit. Und die Woche darauf kam ein Blaumann in unser Büro und hat gesagt: Bitte alle raus, wir müssen hier die Technik überprüfen. Das kam mir Spanisch vor, deswegen bin ich zwar mit rausgegangen, bin aber eine Minute darauf wieder zurück und da stand der genau an meinem Telefon, alles auseinandergebaut und ich sage: Was machen Sie bitte hier? Ja Ihr Telefon ist unglaublich verdreckt, das muss erstmal gereinigt werden. Also hat er mir eine neue Wanze eingebaut oder sonst was. Ich wusste, mein Telefon wurde abgehört, was habe ich also gemacht? Letztendlich, weil es in unserer Ausreiseangelegenheit nicht weitergegangen [ist], habe ich angefangen, politische Witze zu erzählen am Telefon. 1986 wurde in der DDR ein Gesetz [veröffentlicht], durch das man für das Erzählen politischer Witze verhaftet werden konnte. […] Damals habe ich mir gedacht, so, jetzt mache ich das bewusst. Ich habe in Kauf genommen, dass man mich verurteilt, dass ich ins Gefängnis komme und dann im Grunde über den Weg des Freikaufs [in den Westen komme]. Und das ist noch ein Punkt, der dazu gehört: Ein Kommilitone von uns hatte auch einen Ausreiseantrag gestellt, [der] wurde auch ständig abgelehnt. Und er hat es dann so gemacht: Es war damals üblich, dass man eine Hochzeitsschleife an der Autoantenne hatte. Das war ein Hinweis, dass man nicht vom Standesamt kommt, sondern dass man Ausreiseantragsteller ist. Oder man hat eine Banderole hinten in die Hutablage des Autos reingelegt und dann stand da groß darauf ‚Wir sind Ausreiseantragsteller‘. Schließlich kannst du ja in dein Auto reingelegen, was du willst. Und das hat gereicht. Er hat das gemacht und da haben sie ihn frühmorgens von der Arbeit abgeholt, vom Büro. Mittags ist ihm der Prozess gemacht worden und er wurde zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, von denen er wirklich eineinhalb Jahre abgesessen hat. In der gleichen Zelle mit Mördern zusammengesessen, hat er mir dann später erzählt. Und dann ist er freigekauft worden in Berlin an dieser berühmten Glienicker Brücke, wo dann immer dieser Gefangenenaustausch stattgefunden hat.

Kommen wir zu der Fluchtsituation, was ist dein Plan gewesen? Und wie kam es dazu, dass du alleine ohne deine Frau losgefahren bist?

Wir hatten das im Radio gehört und ausschlaggebend war diese Ansage von den DDR-Rechtsanwälten Vogel und Gysi. Ich [sagte] zu meinem Bruder: Wir fahren morgen früh zeitig um 5 Uhr los mit meinem Trabi. Er hatte schon die Tickets nach Ungarn für den Zug und ein Visum bestellt und wir haben dann kurzerhand beschlossen, wir fahren mit unserem Auto dahin und machen, dass wir dort direkt in die Botschaft kommen. Wir gehen auf diesen Vorschlag von Vogel ein. Und der Plan war: Wir lassen uns registrieren, auf das Angebot [hin] verlassen wir wieder die Botschaft, gehen abends ins U Fleků Bier trinken, das ist die berühmte Bierkneipe in Prag, essen noch böhmische Knödel und fahren nach Hause und sind kurz vor Mitternacht wieder bei unseren Frauen. Das war der Plan. Und dann kommt es anders, als du denkst. Wir sind mit dem Trabi dahingefahren, kommen in Zinnwald an der Grenze an. An der Grenze: Niemand. Kein Zöllner, kein Auto, gar niemand. Also bin ich langsamer als Schrittgeschwindigkeit gefahren und plötzlich sind wir durch die Lichtschranke durch. Sofort ging eine Sirene los und von überall kamen Polizei und das Militär und wir wurden samt Auto in eine Garage [hineingeführt]. Unser Auto wurde auseinandergenommen. Wir wurden einzeln befragt und hatten uns aber schon darauf vorbereitet. Wir waren unterwegs in das Riesengebirge, um den nächsten Winterurlaubsplatz [zu finden]. Unterlagen, Stadtpläne hatten wir nicht im Auto,  [wir hatten] schon weitergedacht, dass sie natürlich genau nach so etwas suchen. Und letztendlich haben sie uns weiterfahren lassen. Und wir sind dann nach Prag rein und haben, weil wir das über den Deutschlandfunk immer verfolgt hatten, unser Auto drei Kilometer entfernt in eine Seitenstraße gestellt und haben uns dann ein Taxi genommen. Mit dem Taxi sind wir zur Botschaft gefahren und haben mit dem Taxifahrer wunderbar deutsch gesprochen. Und dann, wie wir dort diese Gasse hochfahren, die zur Botschaft hochführt, haben wir gesagt: Stopp, wir möchten hier aussteigen. Der Taxifahrer hat überhaupt nicht reagiert und ist einfach weitergefahren. Stopp! Stopp! Wir wollen hier aussteigen! Der hat uns bis vor die Tür gefahren oben. Und dann haben wir Zeiten später erfahren, dass die Taxifahrer angewiesen waren von der tschechischen Abteilung für Inneres, dass die alle bis vor die Tür zu fahren haben, damit die Stasi ihre Filme drehen kann.  Damit sie fotografieren kann, wer zur Botschaft will, wer dort aussteigt, dann haben sie den schon auf dem Foto. Dann stiegen wir mit unseren Taschen aus. Hier zwei Herren und dort zwei Herren mit Regenschirm und Zeitung unter dem Arm. Also klassischer geht es gar nicht. Und dann haben wir uns gesagt: So, hier zur Tür zu gehen und dort zu klopfen [ist sinnlos], dann wirst du vorher weggeholt, hast gar keine Chance. Also sind wir diesen berühmten Weg hinten rum gelaufen, wo wir dann gesehen haben, dass auch die Rückseite dieses berühmten Zaunes dort belegt war mit Militär und Polizei. Deswegen dann weiter gerade hoch und [in] den Wald und letztendlich dann der Gang über die Mauer und dann in die Botschaft. Und hier muss ich eines sagen: Dieser Moment, als wir auf der Mauer standen und den Stacheldraht zwischen den Beinen [hatten], der eine Fuß war jenseits und der andere Fuß diesseits und in der Mitte der Stacheldraht, das hatte so ein unglaublich symbolisches Bild. Wenn du jetzt in die Knie gehst, tut es weh. Also entscheide dich jetzt. Springe ich zurück und tue so, als wäre nichts gewesen? Oder springe ich in das kalte Wasser und in das Ungewisse? Wir landeten in einem Botschaftsgelände, wurden dort festgenommen, an die Wand gestellt und abgetastet. Und ich weiß noch dieses schreckliche Gefühl, dann wirklich im letzten Moment gefasst worden zu sein. Aber dann kam es, dass der Amerikaner, der uns dort festgenommen hatte, gar kein Amerikaner war, sondern ein Prager, der für die amerikanische Botschaft gejobbt hat. Als wir dort reingerannt sind, hat er ‚stoj!‘ gerufen. Und da haben wir schon gedacht, das ist die russische Botschaft, da hätte man natürlich null Chancen gehabt. Aber es hat sich dann herausgestellt, dass er Prager ist und für die Amerikaner jobbt. Oh Mann, wie happy waren wir in diesem Moment. Dieser sorgte auch dafür, dass wir hintenrum durch das Türchen rauskonnten. Und er hat dann gewartet und geguckt, bis die tschechische Polizei wieder jemanden vom Zaun runterziehen wollte und dann hat er sein Tor geöffnet, wir sind raus und dann ging es ganz schnell. Das Gefühl, als wir dann oberhalb des Zaunes waren und an der Innenseite heruntergerutscht sind, das ist… Da hab ich immer noch Gänsehaut. […] Und da drin haben wir erstmal eine Cola gekriegt, das war die schönste Cola, die ich je getrunken habe.

[Zu der humanitären Situation in der bundesdeutschen Botschaft in Prag]

Die Nächte wurden irre kalt. Es war Bodenfrost angesagt und die Leute haben teilweise draußen [geschlafen]. Wir hatten zum Glück noch auf den Treppenstufen [Platz gefunden]. Wir lagen auf einer Treppenstufe und hatten uns große Semmeltüten organisiert, [in diese] sind wir reingekrochen wie in Schlafsäcke. Und haben da drin übernachtet. […] Und dann hieß es auch, es besteht die Gefahr von Seuchen, weil immer mehr kamen und wir hatten nur zwei Toilettenhäuschen. Also für ein Mal Pipi haben sich die Leute tatsächlich angestellt und eine Dreiviertelstunde gewartet. 

Wie hast du dich in dem Moment gefühlt, in dem Genschers berühmte Worte gefallen sind? Du wolltest ja nicht direkt ausreisen?

In dem Moment, als er die Worte ausgesprochen hatte, haben wir uns alle natürlich riesig gefreut. Das war unglaublich. Weil es in der gesamtpolitischen Entwicklung irgendwo grünes Licht gab. Und das war unglaublich schön. Egal, was die Botschaft in Warschau machte, egal, was die Botschaft in Budapest machte. Die Prager Botschaft hatte offiziell grünes Licht gegeben. Und dann haben wir beide, mein Bruder neben mir, Luftsprünge gemacht, mit allen herumgetobt. Und auf einmal, [das] weiß ich noch, hast du gemerkt, wie der Kloß im Hals immer größer wurde. [Genscher] hat erstmal ‚Ihre Ausreise‘ gesagt und ist dann nicht fertig geworden mit dem Satz. Und dann hat er kurz Luft geholt und gesagt: Der erste Zug fährt in einer Stunde. Und dann brach die Panik aus. Erst haben die Massen noch gejubelt wie verrückt, jeder hat sich gefreut. […] Und da sagt der Genscher, der erste Zug fährt in einer Stunde. Das waren wir nicht gewohnt im Osten, dass so etwas so schnell organisiert werden kann. Und von da an brach die Panik aus. In keinem Filmbericht sieht man, was dann [geschah]. Jeder rannte los, irgendwo haben sie noch schnell ihre Jacken geholt und ihre Geldbörsen, [sind] zur Tür [gelaufen] und draußen standen tatsächlich schon die Busse. Jeder wollte als erster in dem ersten Bus sitzen, jeder wollte im ersten Zug sein, überhaupt mit dem Zug fahren. Dann kam für uns das Gefühl, ja und wir? Und während die Massen noch unter dem Balkon gefeiert haben, getanzt haben, gejubelt haben, habe ich zu meinem Bruder gesagt: Du bleibst hier stehen, ich gehe jetzt zum Genscher. Ich bin tatsächlich losgerannt, bin die Treppe hoch und tatsächlich sofort zu ihm hin. Seine Sicherheitsleute konnten gar nicht so schnell reagieren. Ich bin ihm in die Arme gefallen, habe ihn so an den Oberarm gefasst, sodass keiner rechts und links dazwischen kommen konnte und [sagte]: Herr Genscher, ich habe eine Frage. Er hat mich angeguckt und das muss ich sagen, in diesem Moment, wo aller Welt die Haare zu Berge standen, [agierte] der Genscher mit einer absoluten Ruhe. Auch der Seiters damals vom Auswärtigen Amt, der mit dabei war, die haben mit einer Besonnenheit [agiert], mit einer Ruhe, die sie da ausgestrahlt haben… das hat so gut getan. Dass du gemerkt hast, irgendwie kannst du den Leuten vertrauen. Die strahlen eine gewisse Sicherheit aus, das war toll. Und dann habe ich gesagt: Meine Frau ist im sechsten Monat schwanger, sie ist zuhause geblieben, der dreijährige Sohn auch, was soll ich machen? Ich habe mir das jahrelang gewünscht, jetzt sagen Sie der Zug steht, steigen Sie ein. Und der Genscher hat noch zu mir gesagt: Vertrauen Sie der Bundesregierung, wir kümmern uns auch um Ihren Fall. Sie sind bei uns registriert und vertrauen Sie, fahren Sie mit. Und dann habe ich noch zu ihm gesagt: Herr Genscher, ich habe verlernt, was Vertrauen bedeutet. Ich habe ehrlich gesagt Angst um meine junge, kleine Familie, die schwangere Frau und den kleinen Sohn, dass sich die Stasi in irgendeiner Form an meiner Familie rächt. Das wollte ich ausschließen. Und dann kam es dazu, dass immer mehr Leute [dazu kamen]. Wir haben uns dann zusammengefunden. Das waren anfänglich ungefähr hundert Leute, die noch da waren, viele sprachen von 150 an dem Abend dort. Und dann haben wir uns entschieden, nicht mitzufahren und sind dann im Grunde genommen in der Botschaft geblieben. […] Fünf Minuten, nachdem der letzte Bus [abgefahren ist], kriegten wir die Anweisung, die Botschaft zu verlassen. Dort, muss ich sagen, haben wir Solidarität kennengelernt. Wir, mittlerweile waren wir noch 72 Leute, haben gesagt, wir halten jetzt zusammen. Dort haben wir gemerkt, was das wieder ausgemacht hat. Wir haben dann in der Nacht verhandelt mit der DDR-Botschaft, mit der tschechischen Botschaft. Und haben wir eine mündliche Straffreiheit für uns erreicht, wir hatten nichts Schriftliches an der Hand. Und frühmorgens, ich glaube gegen fünf, mussten wir in den Innenhof treten und [wurden] noch einmal eingewiesen. Wir mussten an diesem Tag, innerhalb von 24 Stunden, in Zinnwald einreisen, einem ganz bestimmten Grenzübergang. Und dort war im Grunde diese Einreise wieder möglich. Wir haben die Botschaft verlassen, [sind] zu unserem Trabi [gegangen], der noch alle vier Räder hatte und sind zurückgefahren. Und während der Fahrt zurück haben wir über den Deutschlandfunk offiziell erfahren, dass die 72 Personen, die die Botschaft Richtung DDR verlassen haben, innerhalb der nächsten 14 Tage in die Bundesrepublik ausreisen dürfen. Wir haben dort angehalten in dem Moment und haben auf der Kreuzung erst einmal einen Freudentanz gemacht.

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