Bremer Bündnis für deutsch-tschechische Zusammenarbeit

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Katrin Heitsch

Foto: Manja Herrmann

Katrin Heitsch wurde 1962 in Dresden geboren. Bis zu ihrer Flucht 1989 arbeitete sie in einem Exquisit-Laden in der DDR. Bereits mit 18 Jahren plante sie mit ihrer Zwillingsschwester die Ausreise aus der DDR.  Die Schwestern setzten ihre Pläne jedoch nicht um, um die geplante Besuchsreise ihrer Eltern in den Westen nicht zu gefährden. Gleichwohl nahm Katrin Heitsch in ihrer Jugend an Protestaktionen teil.  Im Sommer 1989 machte sie sich nach einer fehlgeschlagenen Ausreise über Ungarn gemeinsam mit ihrem Mann Matthias auf den Weg in Prager Botschaft. Zum Zeitpunkt der Flucht war Katrin Heitsch bereits im fünften Monat schwanger. Aufgrund ihrer Schwangerschaft erfuhr sie vonseiten des Botschaftspersonals und anderer Zufluchtsuchender besondere Solidarität.

Heute lebt sie gemeinsam mit ihrem Mann in Bergisch-Gladbach und arbeitet im Einzelhandel.

Wie wurde zu dem Zeitpunkt in der DDR über Flucht gesprochen, nicht nur vonseiten der Regierung, die von “Republikflucht” sprach, sondern auch in Ihrem persönlichen Umfeld?

Also Flucht, das bedeutet oder hätte bedeutet, heimlich über die Grenze in den Westen abhauen, das war für uns überhaupt kein Thema. Weil man natürlich wusste, dass man erschossen werden konnte, dass es eben lebensgefährlich war. Und wir wollten ja im Westen leben und nicht in den Westen gehen und einer ist dann vielleicht auf der Strecke geblieben. Also darüber haben wir uns überhaupt gar keine Gedanken gemacht. Man hat natürlich darüber geredet, dass es das gab. Ich habe auch mal bei Freunden, ’83 war das, in Berlin übernachtet zum Beispiel, die wohnten relativ nah an der Berliner Mauer auf der Leipziger Straße. Und ich kann mich noch bis heute erinnern, dass ich da auch mal Schüsse gehört hatte. Ich weiß noch genau, wie die Abfolge war. Sowas frisst sich natürlich ein und dann sagt man sich nein, das Risiko gehen wir nicht ein. Wir haben den sicheren Weg gewählt oder wollten den sicheren Weg der Ausreise wählen. Auch wenn wir wussten, dass das dauern kann. Aber einfach so abhauen und alles stehen und liegen lassen, das war nicht unser Ansinnen. Man hätte dann die Familie unglücklich gemacht, man hat ja Eltern, Geschwister gehabt. Man war schon nicht ganz so rücksichtslos, sage ich mal jetzt so. Ich will denjenigen, die das gemacht haben, keinen Vorwurf machen, aber für uns war das eben keine Option.

War Ihnen bei bei der Flucht bewusst, dass Sie Ihre Familie und Ihre Freunde gegebenenfalls nicht wiedersehen?

Ja, das hatten wir, aber aus heutiger Sicht gesehen muss man sagen: Man war dann in so einer Maschinerie drin. Man konnte nicht mehr und man wollte auch nicht mehr zurück. Aber aus heutiger Sicht gesehen, wo man selber Kinder hat, sieht man das natürlich anders, was man seinen Eltern angetan hat. Meine Eltern waren erst 50, die konnten gar nicht in den Westen kommen, [sie] durften ja noch nicht reisen. Wir haben noch einen Bruder in Berlin, den hätte man auch jahrelang nicht gesehen. Da hat man eigentlich nie darüber nachgedacht. Aber wie gesagt, aus heutiger Sicht sieht man, was man da angerichtet hat mit dem Ganzen und das tut einem jetzt noch leid. Aber gut, es kam dann zum Glück anders. Für uns war das natürlich ein Segen, dass dann die Mauer fiel. Auch wenn manche sagen, das Ganze hat sich dann gar nicht gelohnt. Klar, der ganze Aufwand, den man hatte hat sich nicht gelohnt, könnte man denken. Aber wir sind trotzdem froh gewesen, dass das dann so war mit dem Mauerfall. Weil unsere Eltern dann kommen konnten oder wir wieder zu denen hin konnten. Und unseren Bruder sehen konnten. Meine Schwiegermutter war alt genug, die konnte schon in den Westen kommen, die durfte ja schon reisen. Sie war Rentnerin. Aber die anderen, wie gesagt, Geschwister, das war schon schwierig. Aber man wollte das zu sehr, als dass man die ganzen Konsequenzen hätte absehen können oder wollen. Vielleicht hat man es auch nur verdrängt. Für mich war es natürlich noch einfacher, da meine Schwester mit wollte. Das ist ja meine Zwillingsschwester und wir hängen natürlich sehr aneinander und sind sehr eng verbunden. Und auch mein Neffe natürlich. Ohne die wüsste ich nicht so richtig, ob mir das dann so leicht gefallen wäre. Aber für unsere Eltern war das schon schwer, das ist klar.

Sie hatten vorhin bereits angedeutet, dass Sie an Protesten teilgenommen haben. Hatten Sie eigentlich Kontakte zur Opposition oder auch zum Neuen Forum oder kannten Sie Personen, die oppositionell eingestellt waren?

Ja man kannte solche Leute. Also durch meinen Mann von der Arbeit her, da waren paar Kollegen, die in irgendwelchen Vereinen [waren]. Und das hing irgendwie mit der evangelischen Kirche zusammen, aber ganz genau weiß ich das jetzt auch nicht mehr. Die kannte man und da wurden unter der Hand auch Bücher herumgereicht. Und da war unter anderem das von Jens Schmidbauer. Der hatte ein Buch über die Möglichkeiten der Botschaftsbesetzung geschrieben. Und das haben wir dann gelesen, aber das war schon Jahre vorher, ’85, ’86 vielleicht. Daher wussten wir, dass das mit der Prager Botschaft überhaupt möglich ist. Weil es hat ja unter anderem die Nichte von Willi Stoph, das war der Ministerpräsident in der DDR, zum Beispiel gemacht. Die ist in die Prager Botschaft gegangen und wurde dann innerhalb kürzester Zeit stillschweigend ausreisen gelassen. Und so ging es vielen. Und bei uns war das so, wir konnten gar keine Briefe mehr in den Westen schicken an unsere Verwandten, das wurde alles natürlich gelesen. Und da sind wir nach Prag gefahren und haben die dort in der Botschaft abgegeben, weil das durch Dresden ja auch nah war. Dadurch haben wir den Hans Weber kennengelernt.

Und das ging auch schon jahrelang und der Hans hat uns dann, irgendwie sind wir ins Gespräch gekommen, waren mit dem sympathisch, gesagt: Ja wenn gar nichts mehr geht, ich darf euch das ja nicht sagen, dann müsst ihr eben in die Prager Botschaft kommen. Weil er das mitgekriegt hat, dass es jahrelang so ging mit der Ausreise und nichts voranging. Und die Situation, die wir dann in Ungarn hatten, dass wir dann das Land verlassen mussten in Ungarn und gar nicht mehr hätten in die DDR gekonnt, die hat uns natürlich klar gemacht, jetzt sind wir soweit, jetzt müssen wir das so machen. Dann sind wir in die Prager Botschaft, haben ihn angerufen und haben das mit ihm besprochen. Wir waren mit dem Auto im Urlaub, das haben wir dann bei einer Frau in Prag abgegeben, bei der wir, wenn wir in Prag waren, immer privat übernachtet haben. Die hat das dann in die Garage gestellt, das war unser Glück. Und haben uns paar Sachen zusammengesucht, Wechselsachen, und sind dann in die Prager Botschaft. Und hatten vorher mit dem vereinbart, um die Zeit kommen wir, dann macht er die Tür auf. Und ich hatte vorher noch meinen Eltern eine Ansichtskarte geschickt, dass es uns gut geht, dass wir aus Ungarn zurück sind und eine Weile in Prag bleiben, also so etwas in der Art hatte ich geschrieben. 

Können Sie eigentlich skizzieren, wie es dazu kam, dass Sie das Angebot von dem Rechtsanwalt Wolfgang Vogel angenommen haben?

Also für uns war natürlich von Anfang an klar, dass wir nicht direkt aus der Prager Botschaft in den Westen wollen. Unsere Zeugnisse, alles war ja noch da und das Leben ging im Westen weiter. Man musste dort irgendwie weiterleben und wir wollten auch unsere Eltern nicht einfach so verlassen. Einfach so los und die sehen uns nie wieder, das widerstrebte uns. Und wir haben schon dadurch, dass wir das Buch von dem Schmidbauer gelesen hatten, Vertrauen gehabt, dass es dann tatsächlich funktioniert. Da wird es ja beschrieben, die ganze Arbeit von dem Rechtsanwalt Vogel. Wofür er da war. Das hat man in der DDR natürlich als DDR-Bürger nicht erfahren. Aber wenn man so ein Buch gelesen hatte, dann wusste man, dass die Möglichkeit besteht. Darauf haben wir vertraut, dass das dann auch funktionierte. Zumal wir die, sage ich mal, Zusage von den Staatssekretären aus dem Westen hatten, dass die das überwachen. Und das meine Schwester mit auf der Liste stand, hat mich dann auch ein bisschen beruhigt, dass ich dachte: Ja okay, die wissen Bescheid, die connections kennen die alle. Und das funktioniert dann schon.

In der Literatur steht, dass es ungefähr 150 Personen waren, die Vogels Angebot angenommen haben und zurück in die DDR gegangen sind. Haben Sie noch mit anderen Menschen, die da geblieben sind vor Ort, darüber gesprochen? Gab es Meinungsverschiedenheiten, Konflikte?

Ja, gab es. Viele haben, Einzelpersonen waren das vielmehr, gesagt nein, ich gehe nicht mehr zurück in die DDR. Und die die, hatte ich den Eindruck, Familie hatten, die sind wieder zurückgegangen. Weil sie – es waren ja auch einzelne Männer da zum Beispiel, die ihre Frauen und Kinder in der DDR gelassen hatten – wollten dann lieber mit der Familie ausreisen. Und, sagen wir mal, vorwiegend junge Einzelpersonen, die auf deutsch gesagt nichts zu verlieren hatten, die waren bereit so in den Westen zu gehen, also direkt durch die Prager Botschaft.

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